Welches sind die ethischen Dimensionen beim Heilen in der Christlichen Wissenschaft, die weltweit praktiziert wird? Wie wird diese Ethik sichtbar in Situationen des täglichen Lebens? Drei erfahrene Heiler, die auch Lehrer der Christlichen Wissenschaft sind, kamen kürzlich zusammen, um über diese wichtigen Themen zu sprechen. Wir präsentieren ihr Gespräch in einer Serie.
Warren Bolon vom Christian Science Journal sprach mit Phil Davis, Karl (Sandy) Sandberg und Judy Wolff. Judy Wolffs Praxis ist in Arlington, Virginia, USA, beheimatet, Phil Davis (West Roxbury) und Sandy Sandberg (Norwell) kommen aus Massachusetts.
Teil
Warren Bolon: Wie würden Sie das Wesen der Ethik in der Beziehung zwischen Praktiker und Patient beschreiben? Ist es mehr als nur ein Verhaltenskodex?
Phil Davis: Wörterbücher definieren Ethik als moralische Prinzipien, als Verhaltenskodex. Ich betrachte sie im Umgang mit Praktikern und Pflegern der Christlichen Wissenschaft gern als die Goldene Regel – sie beschreibt unsere Liebe zu anderen und dass wir andere so behandeln, wie wir gern selbst behandelt werden wollen. Es geht nicht so sehr um menschliche Regeln als darum, andere so zu lieben, wie wir selbst geliebt werden möchten.
Judy Wolff: Jesus legt die Messlatte für jeden höher, als er sagte, dass wir lieben müssten, wie er geliebt hat, und er liebte auf göttliche Weise. Er erhob die ganze Idee der Ethik auf Gottes Niveau. Was sieht Gott in unserem Nächsten? Die Ethik eines Praktikers der Christlichen Wissenschaft wird immer Moralität ausdrücken, aber sie wird auf den göttlichen Qualitäten von Gott basieren und darauf, dass Gott beide führt, Praktiker und Patient, und die Gedanken eines jeden zu der göttlichen Idee dieser Beziehung hebt.
Karl (Sandy) Sandberg: Ich denke gern über die Frage aus dem Kapitel „Zusammenfassung“ in Wissenschaft und Gesundheit nach: „Welche Forderungen stellt die Wissenschaft der SEELE?“ Mary Baker Eddy definiert sie in zwei großen Forderungen: erstens das erste Gebot, Gott zu lieben, und die zweite ist, dass man seinen Nächsten liebt. Es sind diese beiden großen Gebote, die zusammenwirken, Judy, so wie Du das gerade gesagt hast. Sie wurden durch unseren Meister Christus Jesus in seinen Reden in der Bibel und durch sein Lehren und seine Heilarbeit auf eine höhere Ebene gehoben.
Wolff: Es sind nicht nur menschliches Gutestun und menschliche Liebe. Es ist die göttliche Liebe, die den Praktiker und den Patienten bewegt.
Davis: Wir sprechen ja über das Herzstück, das Fundament von allem, was Christliche Wissenschaft ist – die Heilpraxis und der professionelle Aspekt dieser Praxis. Wenn wir täglich für unsere Praxis beten, Moment um Moment, dann stellen wir Fragen in diesem Gebet, wie z. B. „Vater, wie soll ich mich heute verhalten? Soll ich diesen speziellen Fall annehmen? Wie soll ich diesen Fall morgen behandeln und übermorgen?“ Es gilt jeden Moment, Entscheidungen zu treffen, die auf Gebet basieren. Sie werden nicht aufgrund von willkürlichen Regeln getroffen, sondern auf der Basis, wie Gott uns in unserer Praxis führt.
Sandberg: Einer der wichtigsten Aspekte, die mich beim Thema Ethik beschäftigen, wäre vom Patienten aus gesehen die Frage: „Was kann der Patient vom Praktiker in Bezug auf Beratung und Zuspruch erwarten?“ Viele, die die Christliche Wissenschaft gerade erst kennenlernen, sind es gewohnt, sich an einen Priester oder Seelsorger um Rat zu wenden, und wünschen, dass man ihnen sagt, was sie tun sollen. Sie erwarten ganz selbstverständlich, dass, wenn sie sich an eine Kirchenperson wenden, ihnen gesagt wird, wie sie sich verhalten sollen, was sie tun sollen, was sie unternehmen sollen, um dieses oder jenes gewünschte Ergebnis zu erreichen. Ist es das, was ein Patient von einem Praktiker der Christlichen Wissenschaft erwarten kann?
Bolon: Es kann auch sein, dass sie gewohnt sind, sich an einen Mediziner zu wenden, um von ihm Rat zu jedweder Situation zu erhalten. Gibt es da einen Unterschied im Verhältnis zwischen dem Praktiker der Christlichen Wissenschaft und dem Patienten?
Davis: Nun, es gibt Gesundheitsprofis, die in gewissen Fällen dem Buchstaben nach und rechtlich für den Patienten verantwortlich sind. Wenn wir von einem Praktiker der Christlichen Wissenschaft sprechen, ist das aber ein ganz anderes Modell. Diese übernehmen nicht die Verantwortung für einen Fall. Es ist einfach nicht dieses Modell. Was ist die Hauptaufgabe eines Praktikers der Christlichen Wissenschaft? Es ist die, jedem Fall das effektivste Gebet zu widmen, welches zur Heilung führt. Es geht also nicht so sehr darum, was für einen Patienten nicht getan wird, sondern darum, wo unser Mittelpunkt ist. Und wenn wirklich das Gebet zur Heilung im Mittelpunkt steht, dann will man nicht in andere Gebiete abschweifen wie Beraten oder Empfehlen oder in den Versuch, den Patienten „zur Gesundheit zu überreden“. Wir konzentrieren uns auf dieses Gebet, welches Heilung bringt.
Wolff: Ein Praktiker ist kein Fürbitter. Mit anderen Worten, ein Praktiker geht nicht zu Gott im Namen eines Patienten und betet für die Hilfe Gottes, weil er als Praktiker ein „höheres Denken“ hätte oder weil er gläubiger wäre. Der Praktiker und der Patient gehen beide zu demselben Gott und Gott lässt beide die inspirierende, heilige Botschaft erkennen. Sie sind gleichberechtigt. Es gibt keine Hierarchie in der Christlichen Wissenschaft. Der Praktiker ist nicht ein höheres oder heiligeres Wesen und auch seine Gebete sind nicht höher oder heiliger. Ich habe Patienten, die an einem bestimmten Problem arbeiten und mich anrufen, oft ein Problem, wo es um die Wahl eines Weges oder einer Richtung geht. Ich hatte gerade jemanden, der sagte: „Was soll ich, von Ihrem höheren Standpunkt aus betrachtet, tun? Ich würde gern hören welches Ihr höherer Gesichtspunkt ist.“ So etwas verwechselt menschliche Meinung mit göttlicher Vollmacht. Die menschliche Meinung eines Praktikers ist nicht besser und nicht schlechter als die Meinung eines jeglichen Anderen, denn es ist einfach nur das, nämlich menschlich, und eine menschliche Meinung können wir von jedem bekommen.
Davis: Wir sollten hinzufügen, dass Praktiker gern mit ihren Patienten reden – sie tauschen Zitate aus, die sie studieren, sprechen mit einem Individuum über sein Verhältnis zu Gott. Aber unser Blick ist auf Gebet und auf das Verhältnis des Patienten zu Gott gerichtet, so werden wir uns nicht damit befassen, die Leute menschlich zu führen, zu versuchen herauszufinden, was sie tun sollen, während sie auf dieser Erde wandeln. Das ist eine Sache zwischen Gott und dem Patienten. Wenn mir ein Patient so eine Fragen stellt, sage ich oft: „Wissen Sie, ich weiß es nicht. Aber ich weiß, wer es weiß. Lassen sie uns darüber beten.“
Sandberg: Oft sagt der Patient nicht nur: „Was soll ich tun?“, sondern „Sagen Sie mir, was ich tun soll!“ Das menschliche Gemüt ist so daran gewöhnt, nach dem einfachen Weg zu suchen und dass ihm jemand sagt, was es tun soll, und es dann einfach zu tun. Das hätte zur Folge, dass das Individuum für jedwede Handlung von seiner Verantwortung freigesprochen würde. Falls ein Patient sich an einen Praktiker wendet in der Erwartung, dass der Praktiker ihm seine Arbeit abnimmt und er ihm sagt, was er zu tun hat, dann liegt es in der Verantwortung des Praktikers, dem Patienten freundlich, aber deutlich verständlich zu machen, dass es nur ein Gemüt, eine Macht, einen wirkenden Einfluss gibt, und dass es nicht darum geht, dass ein menschliches Gemüt arbeitet, um ein anderes menschliches Gemüt zu unterstützen oder umzuwandeln. Vielmehr ist es ein Erheben des Denkens, um zu erkennen, was Gott ist – genau wie Du gerade über das Erkennen des göttlichen Willens gesagt hast, Judy, – und zur Erkenntnis, dass das Göttliche im Bewusstsein genau das entfaltet, was wir brauchen. Und während der Praktiker dies tut, ist der Patient in der Lage zu hören, was Gott ihm sagt, und dieser klaren Gott-gegebenen Richtung und dem gewiesenen Weg zu folgen.
Wolff: Und Sandy, oft kann die menschliche Meinung auch sein: „Mit welchem Bibelvers soll ich arbeiten?“ oder „Wie soll ich studieren?“ Wir sind nicht die Quelle der Inspiration für das Studium der Leute und wie sie ihre Erlösung ausarbeiten. Aber sowohl der Praktiker als auch der Patient müssen die Sache vor Gott bringen und der Praktiker muss seine metaphysische Arbeit machen und die mentale Beeinflussung handhaben, die sie davon abhalten würde, das Wort Gottes zu hören. Dann erhält der Patient die Antwort direkt von Gott und hat die Inspiration, die so heilig und wertvoll ist, eine Wahrnehmung der Führung, von der sie wissen, dass sie göttlich ist. Dann wird ihre Beziehung zu Gott stärker. Es ist ihnen nun klarer, wie sie zu Gott gehen und Sein Wort hören können; sie haben eine engere Beziehung zu Gott entwickelt, etwas so Wertvolles, das kein menschliches Wesen, auch kein Praktiker, beeinträchtigen kann. Sie möchten, dass die Person mit einer engeren Beziehung zu Gott weggeht und nicht mit einer größeren Abhängigkeit vom Praktiker.
Davis: Wenn ich mich habe verführen lassen, jemandem Ratschläge zu erteilen, habe ich später oft festgestellt, dass ich mich geirrt habe.
Wolff: Das macht demütig, nicht wahr?
Davis: Ja, das tut es, und obwohl das Ziel da war – dass sie in ihrem Gebet mit Gott ihren eigenen Weg finden mussten, den Weg, den der Vater für jeden von uns individuell vorbereitet hat –, ist es nicht meine Aufgabe, dies herauszufinden. Aber ich weiß, Gott hat einen Plan, und durch Gebet kommt dieser Plan ans Licht. Er kann im Leben dieser Person realisiert werden. Wir wollen sicher sein, dass wir als Praktiker Teil der Lösung sind und nicht Quelle von Störungen.
Wolff: Mary Baker Eddy macht es in Gesundheit und Wissenschaft sehr deutlich, dass Meinung nicht Teil der Praxis der Christlichen Wissenschaft ist. Sie sagt: „In dem einen GEMÜT, GOTT, gibt es keine sterblichen Meinungen.“ (S. 399) Wenn wir uns an Gott wenden, bekommen wir keine sterbliche Meinung – wie z. B. sollte der Patient diese Person heiraten oder diese Arbeit annehmen oder sogar: Soll er zum Arzt gehen oder nicht? Das sind alles sterbliche Ansichten, Gott hat aber keine solchen. Und damit sind sie nicht Teil einer Behandlung in der Christlichen Wissenschaft. Mary Baker Eddy sagte auch: „Die Wissenschaft (bezogen auf die Christliche Wissenschaft) macht keine Zugeständnisse an Personen oder Meinungen.“ (Wissenschaft und Gesundheit, S. 456) Also ist ein Praktiker weder ein pastoraler Führer noch ein Ratgeber. Der Praktiker geht mit Gott und geht auch mit diesem Patienten mit Gott, aber Meinungen sind nicht Teil dieser Praxis. Ich muss sicherstellen, dass ich mein eigenes Denken von Meinungen befreie, denn diese tendieren dazu, meine Sicht auf das Göttliche zu blockieren. Je mehr wir uns von dieser Tendenz befreien, desto klarer sehen wir unseren Vater, der nicht irgendetwas „meint“.
Davis: Ich mag ihren markanten Ausspruch zu diesem Punkt: „In Christian Science sind bloße Meinungen wertlos.“ (Wissenschaft und Gesundheit, S. 341)
Wolff: Ja!
Sandberg: Für andere Entscheidungen zu treffen, hätte – wenn wir es denn tun würden – zur Folge, dass diese Personen das Recht hätten zu sagen: „Sie haben mir doch gesagt, ich sollte das tun, und es war falsch. Also ist es Ihr Fehler, nicht meiner.“ Und wenn wir ihnen einen guten Rat gäben, an wen würden sie sich das nächste Mal wenden, wenn sie Entscheidungen zu treffen hätten? Sie kommen zurück zu Ihnen. Sie gewinnen aber nicht an Selbsterkenntnis und Verantwortung. Nun, das könnte, wenn Sie so wollen, ein Weg sein, eine Klientel aufzubauen, eine persönliche Gefolgschaft – aber das wäre genau die Antithese dazu, wozu der Praktiker hier ist. Auf Jesus bezogen sagt Mrs. Eddy: „Er erfüllte sein Lebenswerk in der richtigen Weise, nicht nur, um sich selbst gerecht zu werden, sondern auch aus Erbarmen mit den Sterblichen – um ihnen zu zeigen, wie sie ihre Arbeit tun können, jedoch nicht, um sie für sie zu tun, noch um sie einer einzigen Verantwortung zu entheben.“ (Wissenschaft und Gesundheit, S. 18) Ein jeder ist für seine eigene Erlösung verantwortlich. Dies ist das Ziel, zu dem sich die Praxis der Christlichen Wissenschaft tatsächlich entwickeln muss.
Davis: Es gibt ein weiteres Element in Bezug darauf, in einem Fall versucht zu sein, menschlichen Rat zu geben. Ich denke, es hat uns alle schon berührt. Es gibt Patienten, die leiden. Es gibt Individuen, die sich danach sehnen und danach suchen, und wir können regelrecht fühlen, wie intensiv ihr Wunsch ist – nicht nur nach Heilung, sondern nach einem Weg, einer Führung – und die suchen sie in Ihnen. Das passiert allen Berufen im Gesundheitswesen. Aber ich glaube, dass besonders der Praktiker der Christlichen Wissenschaft wachsam sein muss, nicht in menschliches Mitleid verwickelt zu werden, sondern sich stattdessen auf die göttliche Liebe zu stützen, die göttliche Intelligenz, Weisheit und Führung beinhaltet. Was Du gerade schon gesagt hast, Sandy, ist so wahr. Ich würde es so ausdrücken: Es geht nicht so sehr darum, einer Person einen Fisch zu essen zu geben, sondern ihn das Fischen zu lehren. Jeder von uns kann ganz individuell realisieren, dass er Zugang zu Gott hat. Diese Grundlagen sind eine Hilfe, um uns zu schützen und zu führen, damit wir nicht einfach nur von einer Sympathie zu dem Individuum angezogen werden, sondern ihn auf eine höhere Ebene erheben, wo er erkennen kann, dass er eine Beziehung zu Gott hat.
Sandberg: Dieser Gedanke, dass der Praktiker sich vor seiner eigenen Sympathie oder dem persönlichen Engagement für den Patienten hüten muss, kann sehr spezifisch werden, wenn zum Beispiel eine ältere, alleinstehende Person ohne Familie niemanden mehr hat, der sie pflegen könnte, und den Praktiker fragt: „Wollen Sie nicht mein Gesundheitsbevollmächtigter sein?“, „Können Sie nicht die Rechtsvollmacht für mich übernehmen?“, „Würden Sie mein Vermögensverwalter werden?“ Das geht uns oft zu Herzen, denn wir sehen, dass da wirklich niemand da zu sein scheint, der diese Dinge übernehmen könnte. Aber wäre das denn eine angemessene Aufgabe für uns als Praktiker?
Wolff: Wenn wir im Gebet zu Gott gehen, dann gibt es immer eine Lösung für dieses Individuum, die richtigen Leute zu finden, die diese Dinge erledigen können, aber es ist nicht die Rolle des Praktikers noch seine rechte Tätigkeit. Ich begebe mich auf die Ebene, auf der Jesus sich wohl tatsächlich befand, als er die Goldene Regel formulierte. Wir wollen als geistige Kinder Gottes angesehen werden, als vollkommen und gesund, und konsequenterweise sehen wir andere so, wie wir selbst gesehen werden wollen – als gesund, geistig vollständig. Wenn jemand einen Praktiker um Hilfe anruft, dann sagt er eigentlich: „Ich möchte in meinem wahren Licht gesehen werden, als die geistige, perfekte Schöpfung Gottes.“ Obwohl die menschliche Situation ein bestimmtes Problem sein kann – wie z. B. „Ich brauche einen Rechtsbeistand“ oder „Ich kann mich nicht selbst versorgen. Können Sie zu mir nach Hause kommen und helfen?“ Wenn wir die wahre Goldene Regel praktizieren, dann werden wir diese Person sehen, wie wir gesehen werden möchten, als die reine, perfekte, geistige Idee Gottes, geliebt und versorgt von Gott. Und die Macht Gottes wird gegenwärtig sein, um diese Nöte in einer Weise aufzulösen, die für dieses Individuum heilsam und machbar ist, ohne dass der Praktiker in den menschlichen Traum, in dieses menschliche Bild, einsteigt. Man kann den Traum nicht ändern, wenn man selbst in dem Traum drin ist und den gleichen Traum träumt wie der Patient. Jemand muss wach bleiben und das Individuum aus seinem Traum erwecken anstatt in den Traum hineinzugehen und dann zu versuchen, ihn auf menschliche Weise zu reparieren. Dadurch, dass der Praktiker wach bleibt für das Göttliche und das Individuum schon als erwacht sieht, wie er auf Gott reagiert und für Gott empfänglich ist, werden wir den Beweis sehen, dass die Person wahrhaftig wach ist und auf Gott reagiert und von Gott geheilt wird, und nicht von unseren guten menschlichen Anstrengungen.
Davis: Ich habe gelernt mich zu fragen: „Warum erwarte ich nicht, dass Gebet diese Sache vollständig versorgt?“ Vor einiger Zeit rief mich ein Patient frühmorgens an. Diese Person hatte kürzlich einige Tragödien erlebt und hatte zu der Zeit drei kleine Kinder und das Familienleben drohte zu zerbrechen. Es sah so aus, als müssten einfach gewisse Dinge erledigt werden an diesem Morgen, um den Kindern zu helfen, der Familie zu helfen. Diese Person bat mich nicht dies zu tun, sie rief mich an, um zu beten. Aber ich fühlte wie ein Freund: ‚Sollte ich ihr nicht meine Hilfe anbieten?’ Ich musste mich hinsetzen und sagen, „Was brauchst sie am dringendsten“? Sie muss wissen, dass sie Gottes Hilfe genau jetzt zur Erledigung jedes einzelnen dieser Dinge, die zu tun sind, zur Verfügung hat.“ Innerhalb einer Stunde war jede dieser extremen Nöte versorgt. Alles durch Gebet und das war eine so wichtige Lehre für mich. Wir sind berufen, als Praktiker der Christlichen Wissenschaft zu erkennen, dass Gebet das wirksamste Werkzeug ist – ausnahmslos.
Wolff: Manchmal kann es sein, dass wir zu einem Fall hingehen, zu jemandem nach Hause, und mit ihm beten. Einmal war eine Freundin von mir in einen schlimmen Unfall verwickelt, wurde in ein Krankenhaus in meiner Nähe eingeliefert und wollte aber christlich-wissenschaftliche Hilfe durch Gebet. Ich ging also zur Notaufnahme und setzte mich neben sie und betete, bis sie kräftig genug war, selbst aufzustehen, und erklären konnte, dass es ihr gut genug ginge, um ohne ärztliche Hilfe nach Hause zu gehen. Das war eine ungewöhnliche Situation, aber es kann Zeiten geben, in denen wir zu jemandem hingehen und mit ihm beten. Aber jede Situation ist einzig und individuell.
Davis: Aber während des Krankenhausbesuchs versuchtest Du nicht, Sozialarbeiter zu werden oder einfach nur ein persönlicher Freund zu sein. Du gingst hin, um zu beten. Ich besuche gern Patienten, aber immer im Rahmen dieser Rolle, nicht wahr?
Wolff: Genau. Der Gedanke, der mir zur damaligen Zeit kam, war „Tu anderen, was Du gern hättest, das man dir tut.“ Hätte ich in dieser Situation nicht gern jemanden, von dem ich weiß, dass er Christlicher Wissenschaftler ist, an meiner Seite gehabt, um mit mir metaphysisch zu arbeiten? Und so ging ich ins Krankenhaus, betete, und als sie fit genug war, traf sie ihre eigenen Entscheidungen und entschied sich, sich nur auf die Christliche Wissenschaft zu stützen. Sie informierte die Ärzte von ihrer Entscheidung und hatte eine wunderbare Heilung, die die Ärzte mit ansehen und bezeugen konnten. Die Ärzte hatten noch nicht einmal die Möglichkeit gehabt, die medizinischen Maßnahmen, die sie für sie vorgesehen hatten, einzuleiten. Es gab andere Gelegenheiten, in denen Personen in dieses gleiche Krankenhaus eingeliefert worden waren, in das ich gerufen worden war, und ich fühlte nicht die Notwendigkeit hinzugehen und bei ihnen zu sein, sondern empfand, dass ich da beten konnte, wo ich gerade war. Jeder Fall ist ein Fall, den wir vor Gott bringen, und Gott sagt uns in jedem Fall, was zu tun ist.
Sandberg: Bevor wir diesen Punkt über Verwicklung in persönliche Angelegenheiten von Patienten verlassen: Es gibt eine Ethik, die uns der Apostel Paulus in seinen Briefen hinterließ. Er schreibt: „Meidet allen Anschein des Bösen.“ (1. Thessalonicher 5) Das ist etwas, worauf wir achten müssen, dessen wir uns bewusst sein müssen. In den Augen des Publikums von Familienmitgliedern und Personen um den Patienten herum würde ein Praktiker, der es übernimmt, Rechtsbeistand oder Vormund für den Patienten zu sein, den Anschein erwecken, eine Art Kontrolle auszuüben, um aus den Umständen möglicherweise einen finanziellen Vorteil zu schlagen. Ein Patient kann mit Recht erwarten, dass ein Praktiker sich solcher Umstände bewusst ist, die zu Streitigkeiten, Beunruhigung und weiteren Schwierigkeiten in dem Fall führen anstatt sie zu vermindern.
Davis: Du beschreibst hier zumindest den Anschein einer ethischen Herausforderung, eines Interessenskonfliktes.
Sandberg: Ja, und den Anschein des Bösen zu vermeiden, achtsam zu sein, was wir tun und welche Folgen es hat, ist absolut grundlegend. Zurück zu dem Thema Hausbesuche: Du hast darauf hingewiesen, Phil, als Du den Ausdruck „Sozialarbeiter“ benutzt hast. Die meisten Praktiker haben ein weites Herz und haben solch ein Verlangen danach, ihre Nächsten zu segnen und ihnen behilflich zu sein, dass sie alles tun würden, buchstäblich jemanden ihr letztes Hemd geben würden, um zu helfen. Und doch ist in einer professionellen Beziehung zwischen Praktiker und Patient absolute Klarheit darüber nötig, dass die Aufgabe des Praktikers nicht die eines Sozialarbeiters ist, oder einfach nur Gutestun, sondern vielmehr ist es seine Aufgabe, durch Gebet die Tatsache zu demonstrieren, dass das eine Gemüt alles regiert und für alles sorgt und dass wir in der Lage sind, diese Tatsache in dem Fall demonstriert zu sehen. Aber das bedeutet nicht, wie du es bereits sagtest, Phil, dass wir keine Hausbesuche machen sollten. Manchmal ist es sehr hilfreich, einen Hausbesuch zu machen, um die Gedanken-Atmosphäre um den Patienten herum zu erkennen und unsere metaphysische Arbeit sauber auszuführen.
Davis: Die Heilpraxis eines Praktikers der Christlichen Wissenschaft ist öffentlich. Daher müssen wir, wenn wir Schritte hin zu einer öffentlicheren Praxis unternehmen, uns darüber im Klaren sein, dass im Grunde die meisten Leute in der Öffentlichkeit nicht verstehen, was ein Praktiker der Christlichen Wissenschaft macht. Es kann sein, dass man uns mit einem medizinischen Modell oder einer anderen professionellen Heilmethode gleichstellt und dabei nicht den einzigartigen Status und die einzigartige Stellung eines Praktikers der Christlichen Wissenschaft erkennt. Ich hoffe, dass alle Praktiker immer leichter für die Öffentlichkeit ansprechbar werden. Dabei müssen wir aber auf unser Verhalten achten und darauf, wie wir vom Publikum wahrgenommen werden. Also, so wichtig es auch ist Patienten zu besuchen, so wollen wir doch, wenn dies der Fall ist, sehr bewusst daran denken, dass wir nicht in andere Rollen oder Modelle verfallen. Man könnte sich z. B. fragen: Werde ich in irgendeiner Rolle wahrgenommen, die sich von der eines Praktikers der Christlichen Wissenschaft unterscheidet, der Gebet bereitstellt?
Sandberg: In Fällen von Kindern ist es z. B. wichtig, die Öffentlichkeit und die Familie wissen zu lassen, wie sehr uns das Wohl des Kindes am Herzen liegt. Und wir machen in solchen Fällen Hausbesuche, oft sogar regelmäßige Besuche, wenn sie gewünscht sind. Nicht nur um zu sehen, was in der Atmosphäre im Zuhause des Kindes im Gebet angesprochen werden muss, sondern auch, um den Eltern und der Öffentlichkeit zu erkennen zu geben, dass wir uns kümmern.
Davis: Selbstverständlich erwarten wir in allen Fällen sofortige Heilung, aber bei Kindern müssen wir erwarten und regelrecht einfordern, dass die Heilung „rasch und vollständig“ erfolgt. (Kirchenhandbuch, S. 92)
Wolff: Ich finde es sehr hilfreich, mit Familienmitgliedern zu sprechen, entweder telefonisch oder bei den Hausbesuchen, besonders wenn ein Elternteil die Christliche Wissenschaft praktiziert und der andere nicht. Ich spreche gern auch mit demjenigen, der kein Christlicher Wissenschaftler ist, um Fragen und Sorgen zu beantworten und um sie zu vergewissern, dass sie das gleiche Recht haben, das Kind zu versorgen, und dass sie frei sind, eine medizinische Behandlung in Anspruch zu nehmen, wenn sie glauben, dass es das Richtigste wäre. Ein Kind ist das Kind beider Eltern und jedes Elternteil hat das Recht zu entscheiden, was das Beste für das Wohlbefinden des Kindes ist. Ich erfahre oft, dass wenn ich mit dem Elternteil spreche, der womöglich den medizinischen Weg einschlagen würde und ich diesem Elternteil versichere, dass sie oder er alles Recht hat, dies zu tun, und dass ich mit dem anderen Elternteil, der sich für Gebet entschieden hat, weiter beten werde, dann herrscht Friede und Einheit, ein Verständnis, dass wir alle zusammenarbeiten. Sobald die Angst, die Kontrolle zu verlieren, gehandhabt ist, erfolgt die Heilung oft über Nacht. Wenn ein besorgter Elternteil sagt: „Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich das Kind zur Notaufnahme oder zum Arzt bringe?“ und ich sage: „Das ist nicht meine Entscheidung, sondern Ihre. Tun Sie, was Sie für notwendig halten“ – in diesem Moment ist die Angst weg und ich bete mit dem anderen Elternteil weiter. Wir haben schon Heilungen auf dem Weg zum Notarzt gesehen, einige, die sogar vom Arzt in jenem Moment dokumentiert wurden. Und ich habe gesehen, dass eine Reihe dieser Eltern das Studium der Christlichen Wissenschaft aufgenommen und Wissenschaft und Gesundheit gelesen haben oder zumindest den Elternteil, der Christlicher Wissenschaftler ist, unterstützt haben, wenn die Familie andere Situationen durchlebte. Es geht darum, die ganze Familie zu lieben und alle ins Gebet einzuschließen.
Bolon: Nehmen wir einmal an, jemand ruft Sie an und möchte eine auf Gebet beruhende Behandlung als Ergänzung zu verschiedenen Formen der Gesundheitspflege, die er bereits nutzt, wie z.B. Ernährungsweise, Akupunktur oder andere Formen der physikalischen Behandlung. Diese Person möchte sozusagen „alle Eisen im Feuer haben“. Wie antworten Sie auf so eine Art von Anfragen?
Sandberg: Wenn mir das klar wird – ob der Patient es mir nun gesagt hat oder ich es durch Beobachtung und Gebet erkannt habe –, möchte ich, dass der Patient versteht, wie unermesslich groß der Unterschied zwischen diesen anderen Verfahren und der Christlichen Wissenschaft ist. Ich würde erläutern, dass die Christliche Wissenschaft so viel mehr ist als nur ein alternatives Gesundheitssystem, denn sie geht von einem ganz und gar entgegengesetzten Ausgangspunkt aus.
Die Folge der Behandlung in der Christlichen Wissenschaft ist die Vergeistigung des Denkens und die Erhebung des Individuums zu einem Verständnis Gottes. Sie soll es dazu befähigen, etwas Wahres über sich selbst zu erkennen, etwas, was es auf keine andere Weise erkennen konnte. Bei jeder anderen Form der Behandlung, die angeboten wird, bleibt das Individuum in einem Gedankennetz gefangen, das auf dem Zeugnis der materiellen Sinne basiert und behauptet, es gäbe einen Fehler, der berichtigt werden müsste, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist, das ausgeglichen werden müsste, dass etwas aus dem Rahmen gefallen ist, was in seine Form zurückgebracht werden müsste.
Das ist nicht unser Ausgangspunkt, von dem aus wir mit der Behandlung beginnen. Den Leuten zu helfen, diesen Unterschied zu verstehen, hilft ihnen normalerweise zu erkennen, dass eine Entscheidung über die Behandlung getroffen werden muss.
Wenn ich spüre, es gibt ein Einverständnis voranzugehen, dann fallen diese anderen Dinge ganz natürlich ab. Wenn der Patient es aber für nötig erachtet, daran festzuhalten, dann agiert er aus seinem eigenen besten Verständnis heraus und meine Verantwortung ist es, ihm zuzugestehen zu tun, was immer er auch für angebracht halten mag. Wir übernehmen weder die Kontrolle noch die Verantwortung für die Gedanken der anderen. Sie müssen die gewünschte Behandlungsform frei wählen können.<./p>
Wolff: Wir sitzen auch über niemandes Entscheidung zu Gericht. Vor der Frage der Entscheidung steht das Thema, wie wir uns selbst wahrnehmen. Wenn Sandy mich anrufen und sagen würde: „Judy, ich bin Marsbewohner und habe eine Mars-Krankheit. Ich verliere meine Antennen. Kannst Du bitte meine Antennen heilen, denn die sind für Marsbewohner lebenswichtig“, dann ist das genauso, als wenn er anrufen und sagen würde: „Ich bin ein Sterblicher und habe eine sterbliche Krankheit. … Ich habe Krebs oder Diabetes; ich muss geheilt werden, sonst werde ich sterben.“
Beides sind falsche Auffassungen und die Aufgabe des Praktikers ist nicht zu sagen: „Meine Güte, Sandy, ich möchte ja, dass du ein gesunder Marsbewohner bist, also bete ich und mache deine Antennen stark und gut“. Und Sandy glaubt weiter, er wäre ein Marsbewohner, aber eben ein gesunder Marsbewohner. Das ist nicht anders, als wenn er mir sagt, er wäre ein kranker Sterblicher. Wenn ich nur seinen sterblichen Traum ausbessere und er lebt weiter in dem Glauben, er wäre ein gesunder, glücklicher Sterblicher, dann ist er nicht zu seiner großartigen geistigen Natur erwacht und hat sich nicht mit den Augen Gottes gesehen, was das Ergebnis einer christlich-wissenschaftlichen Behandlung ist.
Der Schlüssel in der Beziehung zwischen Patient und Praktiker ist das Erwachen, sowohl des Patienten als auch des Praktikers, zu der geistigen Tatsache, mit Gottes Augen zu sehen, wie großartig die Schöpfung ist. Eine Nebenwirkung dieses Erwachens ist die körperliche Heilung, wie auch die Heilung weiterer Teile unseres Daseins, die die Fülle unseres Lebens bereichern. Aber das metaphysische Heilen besteht nicht im Ausbessern von sterblichen, materiellen Träumen, damit wir weiterhin in diesem Traum weitermachen können. Es ist ein Erwachen zu geistiger Erlösung.
Sandberg: Mary Baker Eddy macht kurz und bündig verständlich, was du hier aufzeigst, Judy, wenn sie in Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift auf Seite 476 schreibt: „Jesus sah in der Wissenschaft den vollkommenen Menschen, der ihm da erschien, wo den Sterblichen der sündige sterbliche Mensch erscheint. In diesem vollkommenen Menschen sah der Erlöser GOTTES eigenes Gleichnis und diese korrekte Anschauung vom Menschen heilte die Kranken. So lehrte Jesus, dass das Reich GOTTES intakt und universal ist und dass der Mensch rein und heilig ist.“
Gehen wir zurück zu dem Thema von Warren, wo jemand „all diese Eisen im Feuer“ haben, all diese verschiedenen Formen der Behandlung gleichzeitig anwenden möchte. Diese Person sieht sich selbst nicht als das Kind Gottes an, das es immer schon gewesen ist. Und die einzige Möglichkeit, dieses Denken zu ändern, ist, diese Betrachtungsweise aufzugeben.
Davis: Das ist im Grunde eine ethische Frage, denn wir wollen ja nicht einen Dienst leisten, der nicht dem entspricht, was der Patient zu bekommen glaubt. …
Sandberg: Richtig.
Davis: … Als wenn man ein System wie in einer Cafeteria hätte: ‚Ich möchte ein Stückchen hiervon und eins davon und von dem da auch noch‘, die ganze Theke rauf und runter – das ist so ganz anders als die Christliche Wissenschaft, die wie ich so oft in öffentlichen Ansprachen sage, ein ganz und gar eigenständiges System von Fürsorge und Behandlung ist. Es handelt sich um etwas viel Profunderes in der Gesundheitspflege als nur um eine Art Körper-Reparatur – es geht um unsere Beziehung zu Gott. Dieses Argument beinhaltet einen Lernprozess mit dem Publikum; es braucht einige Hingabe, einige Erklärung. Sandberg: Und manchmal ist es auch mit dem Patienten so. Davis: Richtig, beim Patienten ist ein Lernprozess notwendig, weil er ja, verlieren wir das nicht aus den Augen, zu Ihnen kommt, weil er leidet und gerade sagte: „Machen Sie bitte meinen Körper besser“. Und das ist wichtig. Wir bagatellisieren diesen Wunsch nicht. Es ist wichtig zu sehen, dass die Christliche Wissenschaft reale, solide Heilungen nachweist. Aber es muss eine Aufklärung erfolgen, um zu verstehen, dass das Denken sich in diesem Prozess ändern wird und die Beziehung zu Gott sich festigt. Diese Art der Behandlung ändert jeden Aspekt des Lebens, nicht nur den physischen Körper, wie wichtig das auch immer sei.
Bolon: Wie steht’s mit einem anderen Gedankenzustand, einem, der nicht unbedingt sofort geheilt werden möchte, sondern eine kontinuierliche Betreuung durch den Praktiker sucht?
Davis: Manchmal rufen Patienten an und sagen in etwa: „Phil, würden Sie bitte für mich beten und auch über das Wochenende für mich weiterbeten?“ Oder: „Ich rufe Sie gern nächstes Wochenende wieder an, aber können Sie mich bitte weiter behandeln, bis ich von meiner Reise zurück bin?“ Man kann diesen Wunsch nach Händchenhalten regelrecht spüren, dieses menschliche Sehnen, das da sagt: „Bleib bei mir“. Ich hatte einen Patienten, der sagte sogar: „Wissen Sie, ich glaube, ich bin völlig geheilt. Aber ich möchte nicht, dass Sie aufhören zu beten, denn ich mag das wirklich gern, dass Sie für mich beten.“
Das ist aber nicht ein System, in dem man immer abhängiger vom Praktiker wird. Das wäre nicht Christliche Wissenschaft, denn wenn wir jemanden zu mehr Abhängigkeit vom Praktiker führen, dann führen wir ihn nicht zu mehr Vertrauen auf Gott. Und das sollte doch das Ergebnis unserer Gebete sein. In der Tat, ich denke, dass es Ziel eines jeden Praktikers der Christlichen Wissenschaft ist – und das ist auch mein Ziel – gefeuert zu werden! „Ich bin geheilt, Sie sind entlassen.“
Sandberg: Ein weiterer Faktor, Phil, ist die Auffassung, dass eine Behandlung nicht genug ist, dass man Behandlungen anhäuft und sie erst dann etwas bewirken, aber dass eine einzige Behandlung eben nicht ausreichen würde. Ich denke, dass die Wertschätzung unserer eigenen Arbeit wesentlich dazu beiträgt, diesen Gedanken aufzugeben, dass wenn eine Behandlung gut ist, dann müssen zehn Behandlungen zehnmal besser sein. Das wahre Verlangen ist, den Patienten zu befähigen, seine eigene Beziehung zu Gott zu entdecken und diese zu demonstrieren. Der Wunsch der christlich-wissenschaftlichen Behandlung ist es, dem Einzelnen zu ermöglichen, den eigenen Weg zu finden und die eigene Erlösung auszuarbeiten, aber nicht, dass wir diese für ihn ausarbeiten.
Wolff: Wir finden nirgendwo im Neuen Testament, dass jemand zu Jesus kam und ihn bat, den nächsten Monat für ihn zu arbeiten. Sie kamen in der Erwartung, dass sie im gleichen Moment, da sie den Christus trafen, geheilt würden. Diese Erwartung ist heute nicht geringer, denn Christus ist heute nicht geringer. Es geht darum, diese Erwartungshaltung zu erreichen – dass wenn man einen Praktiker anruft und beide sich an Gott wenden und das Christus-Licht aufgeht – dann sollte die Heilung augenblicklich geschehen, denn Gott ist dazu fähig.
Sandberg: Das führt uns zu der Frage: Was passiert, wenn der Patient am Tag nach der Behandlung immer noch den gleichen körperlichen Zustand zeigt und noch länger Hilfe braucht? Bedeutet das, dass das Gebet fehlgeschlagen ist? Bedeutet das, dass wir unsere Arbeit nicht ausgeführt haben?
Davis: Obwohl ich mit dem Wissen bete, dass jede Behandlung wirksam ist, ist die Arbeit nicht getan, bis die Heilung komplett ist. Ich betrachte es nicht als eine Zeitspanne, in der ich jeden Tag beobachte und sage: „Gut, das sind nun zwei, drei Tage und es gab keine Heilung.“ Ich gehe jeden Fall jeden Tag neu an mit der Erwartung auf Heilung an diesem Tag, zu dem Zeitpunkt, in dem ich dafür bete. Es bedeutet in der Gegenwart zu leben, nicht in der Vergangenheit oder in der Zukunft.
Das heißt, dass genau jetzt die Zeit für Heilung ist. Ich schaue nicht in die Vergangenheit, um zu sehen, wie lange ich mich schon mit dem Fall beschäftige, und ich schaue nicht in die Zukunft in der Erwartung, dass es noch eine Weile in Anspruch nehmen wird. Das bedeutet auf keinen Fall, dem Patienten eine Schuld zuzuschieben. Oftmals sind sie von allem in dieser Welt gelehrt worden, dass manche Dinge nun mal Zeit brauchen, um geheilt oder verändert zu werden. Die Idee einer sofortigen Heilung ist oft so ungewöhnlich, so neu, dass es geduldige, liebevolle Erläuterung durch uns erfordert, um zu erklären, dass dies etwas ist, was sie wollen.
Auf diese oft gestellte Frage: „Würden Sie mich über das Wochenende unterstützen (beten)?“ – würde ich antworten: „Wollen Sie denn nicht sofort frei sein? Ich werde Sie unterstützen. Wenn es notwendig ist, weiter zu beten, werde ich es tun, doch warum erwarten wir nicht, dass Sie mich heute noch entlassen?“ Wenn ich das erkläre, ist der Patient jedes Mal ganz begeistert zu wissen, dass das meine Erwartung ist und dass es auch seine Erwartung sein kann.
Wolff: Falls eine Heilung mehrfache Behandlung erfordert, wenn wir sagen, es gäbe keine Heilung, bis die körperlichen Anzeichen verschwunden sind, so enthüllt doch jede Behandlung eine tiefere Wahrheit, eine engere Beziehung zu Gott – sie heilt einen Fehler oder ein Missverständnis. Möglicherweise gibt es eine Reihe von Dingen, die bereinigt werden müssen. Es ist so, wie wenn man einen Monat lang keinen Hausputz gemacht hat, dann braucht man länger, als wenn man jede Woche einmal sauber macht. Wenn man also seit einiger Zeit keinen mentalen Hausputz gemacht hat, braucht es möglicherweise ein paar Behandlungen.
Aber jede Behandlung ist eine heilende Behandlung und bewirkt etwas, was notwendig ist. Diese Tatsache müssen wir anerkennen. Das körperliche Anzeichen von Gesundheit ist nicht der Augenblick der Heilung. Die Heilung, Umwandlung und Erlösung ging immer einher. Wir haben jedoch die natürliche Erwartung, dass jede Behandlung heilt. Nicht etwa die Erwartung, dass die Behandlung nicht gut genug sein wird und wir sie morgen oder übermorgen wiederholen müssen. Wir wenden uns an diesem Tag an Gott mit der äußersten Demut und Erwartung, dass Gott Gott sein wird und uns offenbaren wird, was wir in diesem Moment brauchen.
Davis: Mit anderen Worten, du würdest nie zu einem Patienten sagen. „Ich denke, dafür werden wir wohl zwei oder drei Behandlungen brauchen“ oder: „Wir werden eine Weile zusammenarbeiten.“ Es wird uns nicht auch nur im Traum einfallen, in dieser Weise zu denken. Genau jetzt ist der Zeitpunkt für Heilung.
Wolff: Ich habe Patienten sagen gehört: „Ich arbeite schon lange an einem spezifischen körperlichen Problem und mein Praktiker wird den nächsten Monat nicht erreichbar sein, so würde ich Sie gern für diesen Monat anstellen. Könnten Sie mir dafür eine Monatspauschale berechnen?“ Meine erste Bemerkung wäre normalerweise: „Erwarten Sie nicht, heute geheilt zu werden? Ich werde Ihren Fall heute annehmen, aber ich lebe im Präsens, in der Gegenwart Gottes. Lassen Sie uns das doch gemeinsam tun und wenn Sie morgen immer noch das Empfinden haben, Sie bräuchten eine weitere Behandlung, dann rufen Sie mich doch einfach noch mal an.“
Manchmal besteht die Befürchtung: „Wird mich das einen Haufen Geld kosten?“ Diese Frage weist auf die Angelegenheit des Honorars und warum wir Behandlungen geben. Wir geben sie nicht, um irgendwie an Geld zu kommen. In der Tat gibt es eine Anordnung im Handbuch der Mutterkirche, die bestimmt, dass wenn die Heilung nicht in einem angemessenen Zeitraum erfolgt, der Praktiker seinen Gebührensatz senken soll. Aber die Praktiker der Christlichen Wissenschaft sind keine Angestellten der Kirche. Wir sind unabhängige Unternehmer und werden von der Person angeheuert, die uns bittet zu beten – welches eine andere ethische Frage aufwirft. Wir werben nicht für unsere Dienste.
Wir würden nicht zu jemandem gehen und sagen: „Ich sehe, Sie sind erkältet, möchten Sie nicht, dass ich für die bete?“ Jeder Patient betet, um zu wissen, welches der geeignete Praktiker für den Hilferuf wäre, und die Praktiker beten, um die entsprechenden Patienten anzunehmen. Aber es gibt eine Gebühr für Behandlung und diese bringt deren Wert zum Ausdruck und gibt gleichzeitig der geheilten Person die Möglichkeit, Dankbarkeit auszudrücken. Es ist die Anerkennung, dass dies wirklich eine wichtige Arbeit ist, denn es geht um mehr als nur körperliche Heilung.
Es geht um unsere Erlösung. Es eröffnet dem Gedanken die gewaltige Welt Gottes. Das ist von großem Wert. Ich habe festgestellt, dass Patienten, bei denen die Behandlung angeschlagen hat, die geheilt wurden und geistig gewachsen sind, oft mehr geben als die bescheidene Gebühr, die ich für die Behandlung berechne, aus lauter Liebe und Dankbarkeit, weil sie so dankbar dafür sind, was die Christliche Wissenschaft ihnen gibt.
Sandberg: Es gibt eine Richtschnur, die Mary Baker Eddy den Praktikern gab. Sie sagte, die Praktiker „sollten ihre Honorare für die Behandlung denen angesehener Ärzte am Ort angleichen.“ (Die Erste Kirche Christi Wissenschaftler und Verschiedenes, Seite 237) Wir müssen dabei berücksichtigen, wenn wir unsere Gebühren auf diese Weise festlegen, dass wir nicht unbedingt die Art fixe Kosten haben, die ein Arzt hat, solche Sachen wie medizinische Apparate, Versicherung und Personal.
Aber wir haben Kosten. Wir haben oft ein Büro in zentraler Lage, Transport- und Telefonkosten. Ein Arzt oder Mediziner muss auch nicht unbedingt jeden Tag mit dem Patienten in Verbindung stehen wie gegebenenfalls der christliche wissenschaftliche Praktiker. Falls sie für die Behandlung eine tägliche Gebühr berechnen, dann ist es angemessen, dass diese Gebühr diesen Unterschied widerspiegelt, und das Handbuch weist darauf hin, dass wir unsere Gebühren mindern müssen, wenn es sich um einen chronischen Fall der Regenerierung handelt.
Davis: Ich finde, dass ein christlich-wissenschaftlicher Praktiker mit einer gesunden, aktiven Praxis, die Heilungen bewirkt, erwarten kann, das gleiche Auskommen zu haben wie andere Fachleute auf diesem Gebiet. Mary Baker Eddy sagt in unserem Handbuch der Mutterkirche, Seite 46-47: „Ein Christlicher Wissenschaftler ist ein Menschenfreund; er ist wohlwollend, versöhnlich, langmütig und sucht Böses mit Gutem zu überwinden.“ Ich sehe diese Forderung nicht in Konflikt mit einer angemessen Honorarforderung für die Behandlung.
Es sind wunderbare Facetten des gleichen Diamanten, sozusagen. Die Heilpraxis – als berufsmäßiges, öffentliches Amt mit allem, was das bedeutet – ist der wichtigste und vitalste Gesundheitsdienst auf Erden. Sie sollte auch so bewertet werden. Wir, als Praktiker, müssen das als Erste so anerkennen. Jedoch ermöglicht uns dies gleichzeitig auch, mildtätig und wohlwollend bedürftigen Individuen gegenüber zu sein.
Bolon: Was sollten die Leute in Bezug auf die Erreichbarkeit des Praktikers für Behandlung erwarten können?
Sandberg: Wenn sich jemand im Journal/Herold als hauptberuflicher Praktiker annonciert, dann muss er unbedingt regelmäßige Stunden einhalten, in denen das Publikum ihn per Telefon erreichen oder sogar im Büro besuchen kann. Es ist nicht genug zu meinen, dies als Teilzeit-Job zu tun, wenn wir im Journal/Herold inserieren. Es erfordert eine stark ausgeprägte Bereitschaft, während regelmäßiger Büro-Stunden erreichbar zu sein, und natürlich wird auch jeder Praktiker hinzufügen, dass sie in einem akuten Fall rund um die Uhr verfügbar sind. Das sind jedoch individuelle Fälle für die Praktiker. Jeder arbeitet sie unterschiedlich aus. Doch auf den Anruf auf einer regulären Basis vorbereitet zu sein ist unverzichtbar.
Davis: Obwohl die Praktiker sich ihre eigene individuelle Auffassung über die Erreichbarkeit erarbeiten müssen, ist dies doch möglicherweise die häufigste Beschwerde derer, die einen Praktiker anrufen: die fehlende Erreichbarkeit. Dies ist eine Herausforderung, die wir nicht nur im Gebet aufgreifen sollten, sondern sie ist auch eine ethische Erwägung. Wie gehen wir mit diesem wundervollen Amt um und wie stellen wir sicher, dass allezeit jedermann Zutritt zu ihm hat, 24 Stunden am Tag?
Bolon: Welches sind die beidseitigen Anforderungen in der Beziehung zwischen Praktiker und Patienten in Bezug auf Vertraulichkeit?
Sandberg: Es gibt eine Klausel im Handbuch der Mutterkirche zur strengen Einhaltung der Vertraulichkeit in der Beziehung zwischen Praktiker und Patient. Und dafür gibt es einen guten Grund. Es gab Momente während der Amtszeit Jesu, in denen er die geheilte Person bat, es niemandem zu erzählen, und sie war ungehorsam. Die daraus entstandenen Probleme führten Jesus dazu klarzustellen, dass Vertraulichkeit im besten Interesse aller ist. Allzu oft hören wir von Fällen, in denen ein Praktiker in der Zeugnisversammlung in der Kirche aufsteht und eine Heilung beschreibt, die in seiner Praxis vorgekommen ist, und jeder weiß, wer diese Person war.
Wolff: Außerdem ist das, was der Patient dem Praktiker mitteilt, eine Lüge über die geistige Wahrheit der Dinge. Nicht, dass die Patienten Lügner wären! Sondern sie sind betrogen oder hypnotisiert worden, an eine Unwahrheit in Form einer Krankheit oder einer anderen Form von Problemen zu glauben. So habe ich nicht nur den hohen ethischen Standard, dass ich keine Informationen weitergeben werde, sondern ich werde auch keine Lüge über jemanden verbreiten.
Und oft hat man die Sache so klar durchschaut, dass das Ganze die Erinnerung gänzlich verlässt, und wenn man die Person das nächste Mal sieht, man sich nicht mal mehr erinnern kann, warum man mit der Person gesprochen hatte, denn man assoziiert die falsche Annahme oder Lüge nicht mit ihr. Man möchte diese Lüge nicht wiederholen, nicht einmal vor dem Patienten.
Davis: Vertraulichkeit ist ein Aspekt unserer Liebe zu dem Patienten, nicht wahr? Wir wollen selbstverständlich, dass sie in ihrer Anfrage für Gebet unbefangen, ruhig sind, und wahrnehmen, wie Christus ihr Bewusstsein erfüllt. Wir wollen es nicht voller menschlicher Meinungen und der Beteiligung einer Menge anderer Leute. Sie sollen spüren, dass sie diesen Praktiker ansprechen, und das reicht. Sonst ist niemand weiter involviert. Wenn also jemand anders das Telefon des Praktikers beantwortet – z. B. ein Familienmitglied – kann er diesen Frieden stören. Wie viele Gemüter sind in diesen Fall verwickelt? Nochmals, wir respektieren und lieben diesen Patienten, indem wir ihm erlauben, zuversichtlich zu sein während wir für die Heilung beten.
Bolon: Was wird von einen Praktiker in Bezug auf moralische Dimensionen des Lebens –sittliche Normen und Charaktereigenschaften verlangt?
Wolff: Sie sind höher als nur rein menschliche Ethik, es ist göttliche. Da ja die Basis der christlich-wissenschaftlichen Praxis das Denken ist, muss der Praktiker nicht nur in jeder Hinsicht moralisch sein – in rechtlichem Sinne, Steuern zahlen, nichts Illegales oder Unsittliches tun –, sondern er muss seine Gedanken rein und von jeglicher Immoralität frei halten, denn man kann diesen Gedanken nicht im Bewusstsein brauchen, wenn man gerufen wird, für jemanden zu beten.
Ich bin wirklich vorsichtig bezüglich der Filme, die ich sehe, mit häufigem Fernsehen, Klatsch und Tratsch anhören – mit allem, was ich aus meinen Gedanken bereinigen muss, falls ich es hereingelassen habe. Wenn wir mit Gott gehen, dann werden wir menschliche Dinge tun, die die höchstmögliche Ethik ausdrücken, die als nichts weniger als christlich und gut betrachtet werden können.
Davis: Für mich ist moralischer Charakter auch Integrität, der Schutz der Gedanken und das Gebet um Wachsamkeit, damit das eigene Ego sich nicht einschleicht – oder die Gier. Manche Leute sagen: „Jeder macht das ja auf diese Weise. Das ist o.k. Es ist schon auch in Ordnung, einen rein Profit orientierten Ansatz für die Praxis zu haben.“ Kann sein, dass die Allgemeinheit das so macht, vielleicht ist es sogar legal, aber das macht die Sache nicht moralisch oder ethisch korrekt für einen Praktiker der Christlichen Wissenschaft.
J. B. Phillips übersetzt Römer 12:2 so: „… lass nicht die Welt um dich herum dich in ihre eigene Form zwängen.“ Wir sind nicht hier, um in die weltliche Form gequetscht zu werden. Wir sind hier, um von Gott geformt zu werden, Sein Zeuge zu sein, Sein Ausdruck von Liebe, die augenblicklich heilt.
Sandberg: Die geistige Basis des Heilens, über die wir in diesem ganzen Interviews gesprochen haben und von der aus wir arbeiten, erfordert eine solide moralische Grundlage, ein Fundament, auf dem aufgebaut werden kann. Ohne die Moral ist das Geistige nichts als „tönendes Erz oder eine klingende Schelle” (1. Korinther 13) Es ist hohl. Es klingt nicht wahr. Es scheint so oft so einfach zu sein, die Worte zu sagen, intellektuell die Worte der Christlichen Wissenschaft zu kennen, jedoch wird die Substanz hinter diesen Worten tatsächlich fundiert und aufrechterhalten durch die Moral, durch die Kraft der Überzeugung, die dem Gemüt die geistige Idee bereitstellt, die Heilung bringt.