Druckseite
Entdeckung - Inspiration - Heilung

Christliches Heilen: im täglichen Leben erprobte Erkenntnisse

Aus dem Christian Science Journal, Juli 2009

Die Zeit fliegt vorbei, wenn man einen Tag mit Jim Spencer verbringt. Oder eigentlich steht sie still. Egal wie—man merkt, dass man völlig im Augenblick lebt.

Mr. Spencer selber hat das Gefühl, als sei es erst gestern gewesen, dass Menschen anfingen ihn um Hilfe beim Heilen zu bitten. Das geschah schon, als er Schüler im Gymnasium war und ging weiter an der Hochschule. Später kamen sie zu ihm, als er christlich-wissenschaftlicher Militärseelsorger und Vortragender der Christlichen Wissenschaft war. Sie kommen heute immer noch. Seit mehreren Jahrzehnten haben sich die Menschen an den Praktiker und Lehrer der Christlichen Wissenschaft James Spencer gewandt—, damit er ihnen hilft, von Schwierigkeiten aller Art befreit zu werden.

Mit seiner Frau Barbara wohnt er in Brookline im Bundesstaat Massachussetts, etwa 20 Minuten Autofahrt von der Mutterkirche entfernt. Ihr Haus steht auf einem Hügel gegenüber einem Trinkwasserreservoir, wo Jim und Barbara Spencer gerne mit ihrem schlanken und sanften Weimaraner Shilon spazierengehen, der sich in Übereinstimmung mit allem, was sie tun und sagen, bewegt. Man kann den See von Spencers Büro aus sehen, wo wir uns vor einigen Wochen trafen. Wir saßen in braunen Ledersesseln vor dem Kamin und verbrachten den Nachmittag im Gespräch über christliches Heilen. Ich schaute dabei nicht ein einziges Mal auf die Uhr.

Jeffrey Hildner: Diesen Monat befasst sich das Christian Science Journal ausführlich mit Jesu Aufforderung an seine Nachfolger: „Macht Kranke gesund“ (Mt 10:8). Ich habe einige Fragen, die ich Ihnen gerne zu diesem Thema stellen möchte. Zuerst einmal: Was hat Ihre langjährige Erfahrunmg Sie über das Heilen der Kranken gelehrt? Könnten Sie uns von einigen im Leben erprobten Erkenntnissen berichten?

James Spencer: Das ist eine sehr tiefgründige Frage. Was habe ich gelernt über das Heilen der Kranken? Die Antwort könnte Bände füllen! Aber ich will mal mit den einfachsten Elementen anfangen. Das Heilen der Kranken beginnt mit Gebet—oder mit der Gemeinschaft mit Gott. Es beinhaltet Studium, demütige Selbsterkenntnis, geistiges Wachstum, geistige Sicht, Hingabe, Ausdauer, Mut.

Aber mehr als alles andere beinhaltet es Liebe—selbstlose Liebe, die die göttliche Liebe ausstrahlt, die Gott selber ist. Diese Liebe hat ihren Ursprung nicht im menschlichen Wesen, sondern in Gott, und sie kommt durch uns zu anderen, wenn wir diese Einheit mit der göttlichen Liebe, die Gott ist, fühlen. Der Schreiber des ersten Johannesbriefes machte ganz klar, was Gott ist, als er sagte: „Gott ist die Liebe.“ (4:16) Das ist Gottes Wesen. Das ist Gott: Liebe. Und wir sind tatsächlich der Ausdruck der göttlichen Liebe, das ist unsere geistige Identität und Individualität. Wir müssen das Bild der Liebe sein, als das Gleichnis der Liebe leben, um zu heilen.

Und es muss klar sein, dass diese Liebe sehr viel mehr ist als menschliche Emotion oder bloße menschliche Güte. Liebenswürdigkeit ist gut und notwendig, aber sie ist nicht rein genug, um zu heilen. Liebe, die heilt, könnte man mit einem Sonnenstrahl vergleichen, der von der Sonne kommt. Er ist nicht die Sonne, aber er ist das Erzeugnis der Sonne. Er hat alle Eigenschaften der Sonne und ist ständig mit ihr verbunden. Wenn wir also mehr und mehr die reine Liebe leben, die all die Eigenschaften oder Qualitäten von Gottes Liebe hat, werden wir Liebe leben und Liebe sein. Und wir werden mit unserem Leben heilen.

Die Kraft der Liebe, die Sie da beschreiben—Sie und ich wissen, dass jeder Mensch das Potenzial hat, diese Kraft in diesem Augenblick auszustrahlen und zu fühlen. Und Sie haben schon frühzeitig in Ihrem Leben erkannt, wie sich durch geistige Kraft das Leben von Menschen und ihre physischen Umstände ändern und verbessern.

Ja genau, Menschen wandten sich um Hilfe und Heilung an mich, als ich noch zur Schule ging und dann noch mehr, als ich Student war. Ich konnte Heilungen miterleben, die ganz einfach dadurch geschahen, dass ich Gottes Liebe für jeden fühlte. Aber ich musste zu einem tieferen Verständnis vom Gesetz Gottes heranwachsen, denn das befähigt uns, mit Beständigkeit zu heilen. Und ich musste verstehen lernen, was unsere Fähigkeit zu heilen oftmals zu stören versucht. Mein Streben nach diesem tieferen Verständnis von Liebe wie auch Selbstprüfung und Selbsterneuerung dauert an.

Der Meister Christus Jesus arbeitete mit seinen engsten Nachfolgern, den Jüngern. Er lehrte sie „Vorschrift auf Vorschrift“. Und doch mussten sie sich diese Lehre durch das Praktizieren dessen, was sie gelehrt worden waren, erst zu Eigen machen. Die Bibel erzählt von einem verzweifelten Mann, der sein Kind zu den Jüngern gebracht hatte, damit es geheilt würde, aber sie konnten ihm nicht helfen. Jesus heilte das Kind und sagte den Jüngern, dass ihr Versagen auf einem Mangel an Glauben oder Verständnis beruhte, einem Mangel an Vertrauen. Aber dann sagte er, wie um sie zu trösten und ihnen eine Lehre zu erteilen: „Diese Art fährt nur aus durch Beten und Fasten.“ (Mt 17:21) Ich bemühe mich ständig, mir diese Wahrheit zu Eigen zu machen, indem ich „Beten und Fasten“ praktiziere.

Was meinen Sie mit Beten und Fasten?

Also, für mich ist „Beten“ ein hingebungsvolles Bestätigen der großen geistigen Wahrheiten des Seins: der Allheit Gottes, des Geistes, der völligen Vollkommenheit des Menschen als Gleichnis des Geistes und der liebevollen Einheit von Gott und Mensch. Und für mich bedeutet Fasten ein Verneinen. Zum Beispiel müssen wir den Glauben verneinen—uns dessen enthalten—, dass es Leben und Intelligenz in Materie gebe. Wir müssen das Zeugnis der sogenannten materiellen Sinne verneinen. Wir müssen den Glauben verneinen, dass das Böse in all seinen Formen wirklich sei, und den Glauben, dass Liebe, Gott, nicht die einzige Gegenwart, Macht und Tätigkeit ist. Und dieses „Fasten“ schließt das Ablegen der Verderbtheiten des Herzens ein, die uns davon abhalten, Gott und Seine Vollkommenheit zu erkennen—Verderbtheiten wie Neid, Sinnlichkeit, Unehrlichkeit, Selbstgerechtigkeit, Selbstrechtfertigung, Eigenwille, Gefühllosigkeit oder all die negativen Eigenschaften, die unsere wahre Identität und unsere Beziehung zu Gott verbergen, unsere geistige Schau verdunkeln und unsere Fähigkeit zu heilen stören wollen. Wenn diese negativen mentalen Elemente aus dem Denken entfernt worden sind, dann strahlt Gottes Gleichnis—unsere eigene geistige Individualität—hindurch.

Bauen wir einmal auf diesen Gedanken auf. Sie sagen also Folgendes: Wenn man sich oder jemand anderen heilen möchte, braucht man aus der Sicht der Christlichen Wissenschaft ein geistiges Zwei-Punkte-Programm: Man muss beten und fasten. Man muss „ja“ und „nein“ sagen—ja zum Guten und nein zum Bösen. Können Sie mir noch mehr darüber sagen, wie man das Böse entwaffnet? Mary Baker Eddy warnte vor dem, was sie mentale Malpraxis und tierischen Magnetismus nannte—Begriffe, die die hartnäckige Illusion anspricht, dass Materialität und Böses Wirklichkeit, Intelligenz oder Macht hätten. Und wenn man nicht möchte, dass das Böse—auch nur die Illusion des Bösen—einem schadet, dann muss man nach meiner Erfahrung einen gewaltigen mentalen Kampf durchstehen. Man muss ein metaphysischer Krieger sein.

Ja, ohne Zweifel müssen wir das Böse handhaben, und zwar ganz spezifisch. Aber immer geht man von der Allmacht und Allgegenwart Gottes, des Guten, aus, um die Nichtsheit des Bösen zu beweisen und es zu überwinden. Durch die Wirklichkeit des Guten beweisen Sie die Unwirklichkeit des Bösen. In Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift von Mary Baker Eddy heißt es: „Bist du mit der vollständigen Rüstung der Liebe bekleidet, kann menschlicher Hass dich nicht erreichen.“ (S. 571) Man überwindet die hartnäckige Illusion, dass das Böse eine Macht ist, durch das Verständnis, dass allein das Gute Macht hat. Das Neue Testament spricht von „fleischlich gesinnt sein“ (Röm 8:7), um den Ursprung der Illusion des Bösen zu bezeichnen. Und Jesus sagte, dass der fleischliche Sinn ein Lügner ist. In diesem lügenden mystischen Sinn gibt es nichts, was hilft oder heilt. Und dies wird klar, wenn uns aufgeht, dass Gott göttliche Liebe und völlig gut ist.

Um der Menschheit zu helfen, die Methode beim Handhaben des Bösen zu verstehen, verwies uns Mary Baker Eddy ständig auf die Macht und Tätigkeit der göttlichen Liebe, die gegen die zahllosen Erscheinungsformen des Bösen buchstäblich in den Kampf zieht. Aber dieser Kampf beginnt mit der Versicherung der Allheit und Einzigkeit dieser Liebe. Es ist interessant zu erkennen, dass wir nicht vollständig beschützt sind, wenn wir nicht in unserem täglichen Leben diese Liebe leben.

Mary Baker Eddy sagte, sie habe den Begriff Christian Science (Christliche Wissenschaft) eingeführt, „um das wissenschaftliche System des göttlichen Heilens zu bezeichnen“ (Wissenschaft und Gesundheit, S. 123). Könnten Sie kurz den Zusammenhang zwischen Jesu Heilkraft und dem wissenschaftlichen System, auf dem sie ihre Kirche aufbaute, erklären? Hat Jesus die Christliche Wissenschaft angewandt?

Fangen wir mal mit dem letzten Teil Ihrer Frage an und erklären den Begriff Christian Science (Christliche Wissenschaft). Natürlich handelt es sich dabei um eine Religionsgemeinschaft, die von Mary Baker Eddy in den USA im 19. Jahrhundert gegründet wurde. Aber der Begriff umfasst viel mehr als das, weil es sich um das zeitlose, immer gegenwärtige, alltätige Gesetz Gottes, des Guten, handelt—die Kraft des göttlichen Geistes, die die Harmonie des Menschen und des Universums demonstriert und erhält. Diese Gegenwart und Tätigkeit war natürlich vor Jesus schon da, weil Gott, das ewige Gute, allen Raum ausfüllt und ohne Anfang und ohne Ende ist.

Durch seine beispiellose jungfräuliche Geburt—dieses wunderbare Geschenk Gottes an die Menschheit—kam Jesus, um die unaufhörliche Tätigkeit des göttlichen Gesetzes zu veranschaulichen. Hat Jesus also die Christliche Wissenschaft benutzt? Ich würde lieber sagen, dass dieses wunderbare Gesetz Gottes durch Jesus wirkte, um zu heilen und zu erlösen. Und dieses Gesetz oder diese Wissenschaft des Christus wurde für jeden Menschen verfügbar durch die Entdeckung dessen, was heute als Christliche Wissenschaft bekannt ist.

Ja, es ist ein System für metaphysische Praxis. Aber Jesus benutzte kein System. Sein geistiges Verständnis entfaltete beständig die Wirklichkeit der immer gegenwärtigen Vollkommenheit. Tatsächlich hat er nie die vollkommene Schöpfung aus den Augen verloren. Darum heilte er alle Krankheiten, versorgte die Hungrigen, wandelte die Sünder um und weckte sogar die Toten auf.

Aber er musste seine Jünger so weit emporheben, dass sie ihre falsche Erziehung, ihre Zweifel und Schwächen ablegten. Sie mussten „den alten Menschen mit seinen Werken ausziehen“, wie der Apostel Paulus es ausdrückte (siehe Kol 3:9). Sie mussten lernen, die Ebene, die Jesus erreicht hatte, die Natürlichkeit und Spontaneität seiner klaren geistigen Vision, wenigstens anzustreben. Er lehrte sie und hob sie höher durch Gleichnisse und logische Argumente und besonders durch das Beispiel seiner Heilungswerke.

Als die Christliche Wissenschaft in Mrs. Eddys Denken aufdämmerte, musste sie sie erst begreifen und mit ihr wachsen. Und wie sie sagte, wurden dann „Vernunft und Offenbarung ... versöhnt“ (Wissenschaft und Gesundheit, S. 110). Sie stellte fest, dass sie organische und funktionelle Krankheiten auch im fortgeschrittensten Stadium heilen konnte. Heilen war für sie natürlich und spontan. Aber ihre Schüler mussten lernen, wie man heilt, sie mussten erkennen, dass Heilung aus der Reinheit erneuerten Lebens fließt. Oft fingen die Schüler eher mit der Vernunft als der Offenbarung an, aber der Sinn und Zweck der Vernunft ist es, das Denken zur Offenbarung emporzuheben.

Wenn wir es mit einer mathematischen Gleichung wie 2 + 2 zu tun haben, so wissen wir augenblicklich, dass die Antwort 4 ist. Wir brauchen keine Methode, keinen Rechenvorgang, kein System. Aber wenn uns eine mathematische Aufgabe vorgelegt würde, bei der fünf Stellen vorkommen, dazu noch Multiplizieren, Dividieren und Wurzelrechnung, dann müssten sich die meisten von uns hinsetzen und diese Aufgabe ausarbeiten. Wir müssten Schritt für Schritt vorgehen, um die Methode durchzuarbeiten und zum selben Ergebnis zu kommen, das durch klare Erkenntnis so einfach erreichbar war.

Christlich-wissenschaftliche Behandlung hat Methode und ein wichtiger Aspekt davon ist der, von der Ursache zur Wirkung zu schließen, von Gott, Geist, zu Seiner Schöpfung. Der Mensch wird so weit erhöht, dass er die Großartigkeit des Ganzen sieht.

Durch Prüfungen, Forschen, Folgern, Experimentieren und Gebet war Mary Baker Eddy darauf vorbereitet worden, diese Wissenschaft zu empfangen. Jesu Heilungswerk und -wort wurden für sie klar und praktisch. Es war ein Verständnis, das sich im Innersten entwickelte und die Form dieser tröstenden Offenbarung einnahm, die sich Christliche Wissenschaft nennt.

Dasselbe geistige Gesetz—der Heilige Geist, der Jesus beseelte,—drängte Mary Baker Eddy dazu, das exakte metaphysische System hinter seiner Heilmethode zu finden. Und während die jungfräuliche Geburt Jesus mit unvorstellbarer Geistigkeit ausstattete, erlangte Mary Baker Eddy ihre Schlußfolgerungen durch Vernunft, Offenbarung und Demonstration. Sie erreichte nach und nach das Verständnis der Wirklichkeit von Gottes geistiger Schöpfung, ein Verständnis, das für Jesus so natürlich und selbstverständlich gewesen war. Sie verstand, dass Heilen bedeutet, des Menschen wahre Identität und Individualität als gegenwärtige geistige Tatsache zu erkennen. Und ihre Fähigkeit zu heilen, wie niemand seit fast 2000 Jahren geheilt hatte, bewies, dass ihr Verständnis richtig war.

Ja genau, sie hob die Latte der Vortrefflichkeit in der Kunst und Wissenschaft des Heilens höher als irgendjemand anders seit Jesus. Daher ist es verständlich, dass sie schrieb: „Ich unterwarf mein metaphysisches System der Behandlung von Krankheit der umfassendsten praktischen Überprüfung. Seitdem hat dieses System allmählich an Boden gewonnen und sich immer dann, wenn es wissenschaftlich angewandt wurde, als das wirksamste Heilmittel in der medizinischen Praxis erwiesen.“ (Wissenschaft und Gesundheit, S. 111-112)

Aber das war vor über 100 Jahren. Und wenn man an die Entwicklung der materiellen Medizin seitdem denkt, dann mögen vernünftige Leute sich fragen: Entspricht Mary Baker Eddys Aussage, dass sich die Christliche Wissenschaft als „das wirksamste Heilmittel in der medizinischen Praxis“ erwiesen hat, immer noch den Tatsachen? Was meinen Sie?

Wenn man über die Christliche Wissenschaft und ihr Heilsystem spricht, so ist es wichtig zu erkennen, dass man es mit einem weiten Thema zu tun hat, bei dem es um die fundamentalsten Aspekte des Lebens und der Schöpfung geht. Und man macht einen großen Fehler, wenn man sich auf einen kleinen Teil davon bezieht und glaubt, dass dieser eine Teil die Großartigkeit und Vollständigkeit dieser Erklärung der Wirklichkeit und ihrer praktischen Wahrheit darstellt. Das wäre etwa so, wie wenn man einen wunderschönen Sonnenuntergang betrachtet und sagt: „Wie schön ist doch das leuchtende Gelb!“, während jemand anders auf das sanfte Rot oder den orangenen Schimmer hinweisen würde. All dies vermischt sich in der unbeschreiblichen Schönheit des sich ständig verändernden Panoramas.

Ich glaube nicht, dass Mary Baker Eddy hier den Begriff Christliche Wissenschaft benutzt, um auf eine alternative medizinische Praxis wie Neurologie, Allopathie, Osteopathie und Pathologie hinzuweisen. Ich glaube, dass die medizinische Praxis hier auf die Wissenschaft und Kunst des christlichen Heilens in all seinen vielen Auswirkungen hinweist. Sie spricht im Lehrbuch vom Christlichen Wissenschaftler, der Medizin nimmt, aber sie schrieb: „Die Medizin der Wissenschaft ist das göttliche GEMÜT ...“ (S. 104). Diese Medizin ist die Tätigkeit oder das Gesetz des Gemüts, Gottes, der Quelle aller Tätigkeit. Darum ist das Praktizieren der Heilkunst der Christlichen Wissenschaft keine physische Manipulation von Körper und Funktion durch den Gebrauch von Medikamenten und anderen physiologischen Methoden.

Ganz bestimmt ist christlich-wissenschaftliches Heilen, wenn korrekt als göttliches Gesetz praktiziert, die wirkungsvollste Tätigkeit in den Heilkünsten, denn sie erneuert nicht nur den physischen Körper, sondern auch den menschlichen Charakter. Sie dringt in die innerste Natur unseres Sein, beschwichtigt unsere Ängste, erneuert den Charakter, unterwirft den menschlichen Willen und taucht unter die Oberfläche zur darunter liegenden Ursache von Krankheit. Sie befasst sich also nicht nur mit kurzzeitigen Wirkungen, die wir physische, mentale, moralische oder finanzielle Probleme nennen, sondern sie befasst sich mit Langzeit-Ursachen dieser Probleme, die allgemein von den meisten anderen Systemen nicht erkannt oder behandelt werden.

Ich würde gerne einige Grundsteine des christlich-wissenschaftlichen Heilsystems näher betrachten. Nehmen wir z. B. die folgenden drei Aussagen aus Wissenschaft und Gesundheit. Erstens: „... wir [beseitigen] die Krankheit dadurch ..., dass wir das beunruhigte Gemüt ansprechen und den Körper nicht beachten“ (S. 400). Zweitens: „... der sogenannte materielle Körper [ist] ein mentaler Begriff“ (S. 376). Und drittens: „Es gibt keine Krankheit.“ (S. 421)

Ich nehme mal an, dass viele Menschen heutzutage mit Mary Baker Eddys erster Erkenntnis übereinstimmen würden. Menschen, die verschiedene Arten alternativer Medizin praktizieren, werden die Verbindung von Krankheit und einem verstörten Gemüt verstehen. Aber ich glaube, dass die meisten Menschen es viel schwerer finden, die zweite Erkenntnis zu akzeptieren. Und die dritte Erkenntnis? Also, die ist wirklich jenseits des Verstehens. Könnten Sie helfen, den Sprung zu machen—diesen Erkenntnissprung—zu dieser neuen Sicht der Wirklichkeit, die Mary Baker Eddy entdeckte?

Die drei Teile dieser Frage führen tatsächlich zum Kern des christlich-wissenschaftlichen Heilens. Erster Punkt: Wir beseitigen Krankheit dadurch, dass wir „das beunruhigte Gemüt ansprechen“. Denken Sie wieder an das Beispiel vom Sonnenuntergang. Glauben Sie nicht, das leuchtende Orange sei der ganze Sonnenuntergang. Es ist nur ein Aspekt davon.

Ja natürlich, offensichtlich liegt das menschliche Gemüt den meisten Krankheiten zugrunde. Der Körper ist oft verstört durch die mentalen Kräfte, die ihn bewegen. Furcht, Anspannung, Stress, Aufregung, Hass, Emotionen—all dies neigt dazu, die normale Körpertätigkeit zu stören. Und wenn wir der natürlichen und liebevollen Herrschaft Gottes in jedem Bereich unseres Lebens Raum geben, dann reagiert der Körper darauf. Erneuerung des Körpers geschieht aber nicht durch das menschliche Gemüt; das göttliche Gemüt erneuert das menschliche Gemüt, und das wiederum erneuert den Körper.

Aber natürlich fällt nicht alles unter diese Kategorie. Alles christliche Heilen ist mentales Heilen, aber nicht alles christliche Heilen befasst sich damit, „das verstörte Gemüt“ anzusprechen. Ein Kind, das mit einem Defekt geboren wurde, ein Erwachsener, der in einen Autounfall verwickelt ist, die Ansteckung mit einer ansteckenden Krankheit, das Opfer von Verbrechen oder Krieg—all das lässt einen an den Fehler denken, den die Jünger machten, als sie über einen jungen Blinden sagten: „Meister, wer hat gesündigt: dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist?“ (Joh 9:2) Mit anderen Worten: Was hat dieses genetische Gebrechen verursacht? Jesus wies darauf hin, dass die Blindheit weder durch den Mann noch durch seine Eltern verursacht worden war, sondern eine Abweichung war, etwas, was jenseits der Liebe und Fürsorge Gottes, der göttlichen Liebe, zu sein schien. Der Irrtum oder Fehler konnte korrigiert und Gott gepriesen werden durch die Erkenntnis, dass sich nichts außerhalb der Herrschaft des göttlichen Gesetzes befindet. Dieses Gesetz könnte der Wind des Geistes, die Energie der Liebe, der Heilige Geist oder das Wirken der Wahrheit genannt werden—es hat viele Namen, aber es ist alles das Gesetz des unendlichen göttlichen Prinzips, Liebe, das die absolute Herrschaft der Liebe über den Menschen und das Universum demonstriert. Natürlich wurde der junge Mann geheilt.

Im zweiten Teil Ihrer Frage geht es um Mary Baker Eddys Erklärung, dass „der sogenannte materielle Körper ein mentaler Begriff ist“. Ich würde gerne die Verbindung zwischen Materie und Bewusstsein so darstellen: Materie ist der feste Zustand des Denkens, so wie das Eis der feste Zustand des Wassers ist. Eis und Wasser haben dieselben Bestandteile, aber das Eis ist der feste Zustand des Wassers. Was im Wasser ist, ist auch im Eis. Wenn man reines Wasser hat, hat man auch reines Eis. Wenn man modderiges Wasser hat, hat man auch modderiges Eis. Und ganz offensichtlich würden Sie, wenn Sie ein modderiges Eisstück haben, nicht das Eisstück ausschimpfen, sondern würden das Wasser reinigen, was dann automatisch sauberes Eis ergeben würde.

Die Christliche Wissenschaft nimmt den radikalen Standpunkt ein, dass alle Materie eigentlich ein mentaler Zustand ist, so ähnlich wie ein Traum, wo Materie Substanz und Masse zu haben scheint—in einem festen Zustand zu sein scheint—, aber es ist alles ein Traumzustand, und der verändert sich, so wie sich der Traum verändert, bis er schließlich verschwindet. Als Mary Baker Eddy durch den geistigen Sinn die wirkliche, geistige Schöpfung erkannte, als ihr klar wurde, dass sie hier und jetzt besteht—und sie imstande war, dies zu beweisen durch eine Heilung nach der anderen, selbst von Krankheiten und Verkrüppelungen, die als unheilbar galten—, wusste sie mit Sicherheit, dass das, was den materiellen Sinnen als materielle Schöpfung erscheint, eine Illusion ist, eine mesmerische hypnotische Illusion. Dies ändert die Bedeutung von Heilung vollständig. Natürlich versucht man nicht, die Illusion eines materiellen Körpers zu reparieren! Dieser Traum von einem Leben und Gemüt in Materie, dieser Traum, dass das Böse wirklich sei, der muss gebrochen werden. Und die Folge davon ist Heilung.

In der Christlichen Wissenschaft ist Heilung nicht das Ergebnis mentaler Übungen des menschlichen Willens, von hypnotischer Projektion oder von Selbstbespiegelung, denn all das ist Teil derselben Illusion von einem Gemüt in Materie. Gott als unendliches, allwissendes Gemüt muss wissen bzw. erkennen, um Gemüt zu sein. Falls das göttliche Gemüt oder Gott aufhört zu erkennen, sei’s auch nur eine Nanosekunde lang, dann könnte Gott diesen Bruchteil einer Sekunge lang aufhören zu sein. Da dieses Gemüt ALLES ist, ist Er sich Seiner selbst bewusst—und ist sich nur Seiner selbst und Seiner eigenen Vollkommenheit bewusst. Das eigentliche Bild oder der Ausdruck von Ihm ist tatsächlich Gottes geistige Schöpfung innerhalb Seiner selbst. Diese Sicht ist das, was die Kranken heilt. Und wir erreichen diese Sicht—wie vorhin schon erwähnt—durch die reine Widerspiegelung der unendlichen Liebe, durch das intuitive geistige Verständnis oder durch Vernunft und geistig klare Logik.

Der dritte Abschnitt, den Sie aus Wissenschaft und Gesundheit zitierten, sagt sehr direkt: „Es gibt keine Krankheit.“ Klar, oberflächlich betrachtet, kann diese Erklärung für einige Verwirrung sorgen. Aber wenn man unter die Oberfläche dringt, dann findet man beruhigende Stärke.

Betrachten wir es mal in einer Weise, die wir verstehen können. Es gibt keine Fehler in der Mathematik. Das ist eine klare Aussage. Es ist eine Tatsache. Ich mag bei einer Matheaufgabe einen Fehler machen und sehr unter den Konsequenzen leiden. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass es in der Mathematik keine Fehler gibt. Es ist meine Aufgabe, das Prinzip der Mathematik anzuwenden, das den Fehler berichtigt. Und so sollte das „Berichtigen“ von Krankheit, das Heilen von Krankheit und gleichzeitig das Verstehen der zugrunde liegenden Tatsache, dass es in Wirklichkeit keine Krankheit gibt, keine Verwirrung stiften.

Beschreiben Sie doch bitte, wie das praktisch anwendbar ist.

Im Lehrbuch gibt es eine Erklärung, die ich sehr oft in meiner eigenen Praxis benutze, und die lautet so: „Eine geistige Idee enthält kein einziges Element des Irrrtums, und diese Wahrheit entfernt alles Schädliche in der richtigen Weise.“ (Wissenschaft und Gesundheit, S. 463) Der erste Teil dieses Satzes erklärt das geistige Gesetz, dass einem klar werden muss—die absolute Wahrheit, dass eine geistige Idee kein einziges Element von Irrtum enthält. Und warum nicht? Weil es in dem Sich-selbst-Erkennen des einen selbstbewussten, vollkommenen Gemüts—das nur Sich selbst und Seine eigene vollkommene Schöpfung kennt—unmöglich auch nur das kleinste Element von Unvollkommenheit geben könnte.

Und dieses Verständnis wirkt sich im einzelnen Fall so aus, dass es von dem schlecht funktionieren physischen Körper, von zerrütteten menschlichen Beziehungen, von gestörten Familienverhältnissen, von finanzieller Instabilität und von allem anderen alles Schädliche entfernt.

Können Sie mir dafür ein Beispiel geben?

Jemand hatte am Kopf ein Gewächs und bat mich um Hilfe. Er berichtete mir, dass es sich dort seit einiger Zeit befunden habe und langsam größer geworden sei und dass es ihm große Angst mache. Er sagte, er sei immer versucht gewesen zu glauben, dass alle Leute drauf schauten, und der Gedanke „Was, wenn?“ terrorisiere seine Gedanken. Und diese „Was, wenns“ kämen besonders in der Stille der Nacht.

Bei der Behandlung dieses Falls nahm ich mir die folgende Erklärung aus dem Lehrbuch zu Herzen: „Gänzlich getrennt von dem Glauben und dem Traum des materiellen Lebens ist das göttliche LEBEN, das geistiges Verständnis und das Bewusstsein von des Menschen Herrschaft über die ganze Erde offenbart.“ (Wissenschaft und Gesundheit, S.14) Die Worte gänzlich getrennt stachen hervor für mich und mir wurde klarer, dass der unnormale Zustand wahrhaftig „gänzlich getrennt“ von dem Mann war, von seinem wahren Sein, von der reinen Idee, die von dem einen vollkommenen Gemüt geschaffen wurde und die Er selbst kannte. Die Tatsache, dass „eine geistige Idee ... kein einziges Element des Irrtums enthält“ und der irrtümliche Zustand gänzlich getrennt vom Sein dieses Menschen war, brachte mir selber und meinen Gedanken ein echtes Gefühl von Trost und Zusicherung. Ich konnte bis zu einem gewissen Grad erkennen, dass diese Anomalie keinen Platz in Gott und daher auch keine Ursache hatte. Sie hatte keinen Raum im Gemüt und somit keine Intelligenz, um sich weiterzuentwickeln oder zu wachsen, und sie musste sich auflösen, denn sie hatte keinen Raum in der Liebe, die nur Schönheit und Normalität kennt.

Für eine wirksame Behandlung ist es unbedingt erforderlich, geistig und wissenschaftlich von der Grundlage aus zu folgern, dass Gott vollkommen und Seine Schöpfung vollkommen ist. Ich wusste, dass es keine Trennung zwischen einer klar verstandenen geistigen Tatsache und ihrem praktischen Ausdruck in unserem Leben geben kann. Das Ergebnis war, dass das Gewächs von selbst verschwand und nie wieder erschien.

Das ist wunderbar! Gut, erweitern wir nun einmal unseren Blick. Wie kann die Wissenschaft des Heilens Menschen dabei helfen, globale Herausforderungen zu handhaben, denen sich die Menschheit gegenübersieht?

Die Frage gefällt mir, denn obwohl Jesus sich dem Heilen Einzelner widmete, so bestand doch seine größere Mission darin, alle Menschen der Welt von ihren Sünden oder Missetaten zu erlösen.

In meinem Gebet reiche ich über die Grenzen meines eigenen Lebens hinaus, um Gottes heilende Liebe jedem zu bringen. Ich bete darum, gründlicher zu verstehen, dass alle Männer und Frauen ein Gemüt haben, und um zu erkennen, dass sich alle an kein anderes Gesetz als das eine allmächtige Gesetz dieses Gemüts wenden. Ich bete, um mir klar darüber zu sein, dass es unter der Fürsorge der göttlichen Liebe keinen Terrorismus gibt, dass Gerechtigkeit, Chancen und Schutz für alle vorhanden sind. Ferner, dass es unter der Regierung des göttlichen Prinzips keine Unfälle, keine Unglücke gibt, denn dieses Prinzip hält alle und alles in vollkommenem Gleichgewicht und in vollkommener Ordnung.

Ich bete darum zu erkennen, dass Armut, Obdachlosigkeit und Hunger keinen Raum in der erhaltenden, stärkenden, liebenden Vorsorge des unendlichen Geistes, der göttlichen Liebe, haben. Ich bete darum zu erkennen, dass die Vollständigkeit Gottes als Vater-Mutter, von Gottes reicher Schöpfung, dem Sohn Gottes oder Christus, und von Gottes liebevollem Gesetz, dem tröstenden Heiligen Geist, gegenwärtig sind, um alles und jeden in Gottes Schöpfung zu heilen, zu versorgen, zu bewahren und zu lieben.

Und wieso glauben Sie, dass Ihre Gebete wirksam sind?

Weil es wirklich nur einen universalen Gott, ein Gemüt, eine ewige Liebe gibt. In Wirklichkeit geht alles Rechte und Gute innerhalb des göttlichen Seins vor sich. Niemand ist von irgendjemand oder von irgendetwas innerhalb dieses Gemüts getrennt. Wenn einem das Wirken des universalen Gesetzes Gottes klar wird—das die Ordnung und Harmonie der ganzen Schöpfung aufrechterhält—, dann wirkt dieses Verständnis hier und jetzt als ein unwiderstehliches Gesetz bei den täglichen Angelegenheiten.

Jesu bemerkenswertes, alles überspannendes Gebet beginnt mit „Unser Vater im Himmel“ und erklärt die geistige Tatsache, dass wir alle unter der Obhut und Leitung durch den einen Vater oder Vater-Mutter Gott vereint sind. Und wenn man sich demütig den Erklärungen Jesu in den folgenden Zeilen seines Gebets widmet: „Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden“, dann ändern sich die Dinge auf Erden. Wissenschaft und Gesundheit drückt es so aus: „Wir sollten gründlich verstehen, dass alle Menschen ein GEMÜT, einen, GOTT und Vater, ein LEBEN, eine, WAHRHEIT und eine LIEBE haben. In dem Verhältnis, wie diese Tatsache sichtbar wird, wird die Menschheit vollkommen werden, der Krieg wird aufhören und die wahre Brüderlichkeit des Menschen wird begründet werden.“ (S. 467)

Auf der Grundlage dieser Verheißung ruht meine Zuversicht, dass meine Gebete und die Gebete anderer eine große Wirkung haben und die Welt ändern können.

Share
Share
Textgröße ändern
© The Christian Science Publishing Society. All rights reserved.
Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsbedingungen.  |  Kreuz und Krone  |  Kontakt mit uns