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Geistesgegenwart - Keine Angst vor Prüfungen!

Gestaltung: © PhotosToGo.com. Digital bearbeitet: Viviane Stonoga/Duetto Comunicação — Abgebildete Person nur zu Illustrationszwecken.

Nicht nur in der Schule stehen immer wieder Prüfungen vor uns. Werden wir bestehen? Haben wir überhaupt das notwendige Wissen und Können? Haben wir richtig gelernt? Was heißt eigentlich „Ich habe gelernt“? Es ist ein Haben, aber es ist ein ganz anderes Haben, als wenn ich eine Handtasche „habe“. Taschendiebe üben dazu gewisse Griffe, und dann hat man die Handtasche vielleicht nicht mehr.

Ist das „Gelernt-Haben“ ebenfalls nicht diebstahlsfest? Oh doch! Schon wenn man ein einziges Mal gehört hat, was man zum nächsten Geburtstag geschenkt bekommen soll, weiß man dies unvergesslich und niemand kann einem dieses Wissen stehlen. Man hat, man besitzt dieses Wissen. Und so ist dieser zusammengesetzte Ausdruck in den germanischen und romanischen Sprachen auch vor über 500 Jahren entstanden: ich habe (besitze) das Gehörte, das Gelesene, das Gelernte und habe es jederzeit zur Verfügung, ich kann darüber verfügen.

Dieses Wissen ist nichts Materielles wie etwa eine Handtasche, sondern ein geistiger Besitz, unverlierbar und unberaubbar. Geist ist allgegenwärtig, also in jeder Prüfung anwesend, deshalb auch von uns abrufbar. Geist ist allmächtig, hat also volle Verfügungsgewalt über alles Wissen und Können. In jeder Prüfung wird nur das im vorausgegangenen Unterricht Durchgenommene oder dadurch erwartbar Gewordene abgefragt. Prüfer und Prüfling verbindet der gleiche Geist. So sind dem Prüfling die Gedankengänge des Prüfers zugänglich und die Aufgabe lösbar. Der Prüfer liebt sein Fach und wünscht deshalb das Gedeihen aller, die sich gern damit befassen. In diesem Bewusstsein können wir zuversichtlich in die Prüfung gehen. Aber bewusstmachen müssen wir es uns! Je öfter etwas gedacht, gesagt, geschrieben, gelesen, gelernt worden ist, desto tiefer ist es in das eigene und in das Weltgedächtnis eingegangen und daraus mit der richtigen Wellenlänge auch wieder abrufbar.

Wer sich echt und ernsthaft um diese Erkenntnisse bemüht, erreicht höchste Ergebnisse. In Japan ist die beste Bewertung „100%“, und da Geist allgegenwärtig, allwissend und allmächtig ist, ist dies ja dann auch das einzig angemessene Ergebnis. In der Vorbereitung auf diesen vollen Erfolg sollte man auch dankbar und liebevoll über Lehrer, Schule, Lehrstoff, Eltern und Gesellschaft nachdenken. Der Lehrer hat dieses Fach mit Begeisterung studiert und sein größtes Glück wäre es, diese Begeisterung auch in seinen Schülern zu erleben. Das Schönste, was ein Prüfling ihm schenken könnte, wäre kein Blumenstrauß und kein Geschenkkorb, sondern „100%“, denn es ist die Bestätigung, dass sein Lebenswerk, seine Berufung, wunderbar mit Erfolg gekrönt ist.

Eine erstaunlich ergiebige Übung: Versuche Begriffsbestimmungen auf je einem Zettel zu den Fragen: Was ist ein Lehrer, Schüler, Lehrstoff, Schule, Unterricht, Lehrbuch, Klasse, Mathematik, Erdkunde, Eltern, Kindheit, Gesellschaft u.a.m. Du gewinnst einen ganz neuen Einblick in die Gegebenheiten und die Aufgaben. Die Lehrmittel und die Schule als Gebäude wie als Einrichtung sind Ergebnisse unentwegter Hingabe unzählbar vieler Menschen, die alle mitwirken, dass diese neue Generation die lebensnotwendigen Kenntnisse und Erfahrungen erwerben kann. Ich habe einmal nach einer kleinen Bosheit mit einem Schüler besprechen müssen, wie viel Arbeit und Hingabe wie vieler Mitmenschen allein in einem Stückchen Schulkreide stecke. Nur dadurch, dass wir dieses Stückchen Kreide dankbar achten, achten wir auch die Arbeit dieser vielen Unbekannten, für die dessen Beschaffung Beruf und Berufung war, ihr ganz besonderer Beitrag zum Zusammenklang der Tätigkeiten aller. Welch ein Geborgenheitsgefühl in der Gemeinschaft aller W sen wird uns plötzlich erlebbar, wenn wir uns vergegenwärtigen, wie viele Mitmenschen bisher unerkannt, aber dennoch unentwegt tätig unser Gedeihen und auch Bestehen mitvorbereitet haben.

Unser Erfolg beruht auch auf dem freundlichen Zusammenwirken aller förderlichen Ergebnisse, die wir durch Achtung und Liebe und Ehrfurcht ermöglichen oder durch Abkapselung, Bosheit und Feindschaft vereiteln können. Noch mehr Dankbarkeit gebührt den Eltern und der ganzen Gesellschaft, die die Kinder z. T. jahrzehntelang aufziehen—auf Hoffnung. Nämlich in der Hoffnung, dass diese neue Generation dann ihre jetzige Aufgabe und Verantwortung gut übernimmt.

Diese dankbaren Gedanken sind das altbekannte Öl der Liebe, Hingabe und Bereitschaft, durch das unser Bewusstsein geheiligt wird, und das Gleitmittel, wodurch das vollkommene Ergebnis ganz schwerelos hervortreten kann.

Als ich das neulich mit einem Schüler besprach, der sich in Sorge um seine Abiturprüfung an mich wandte, kam mir plötzlich das Wort „Geistesgegenwart“. Welch hilfreiches Wort! Welch wunderbare Beruhigung zu wissen, dass wir nie allein sind, dass Geist gegenwärtig ist, uns führt und leitet. Schon wenn wir das Wort Geistesgegenwart hören, sind alle sofort auf ein Wunder gefasst, auf einen in schwieriger Lage zwar überraschenden, dann aber doch einleuchtenden schnellen und vollkommenen Erfolg. Geistesgegenwart setzt in unserem Sprachverständnis nicht unbedingt hohe Geistigkeit und Bildung voraus. Wir sind überzeugt, dass sie auch dem schlichtesten Menschen zugänglich sei und alle sind sofort und gern bereit, sich an dem überraschenden Erfolg mitzufreuen.

Gibt es ein anderes Wort, bei dem die Bereitschaft aller größer wäre, die Bewältigung einer Schwierigkeit durch Geist anzuerkennen? Alle hören gespannt zu und freuen sich mit wie über einen sportlichen Sieg. Sie verstehen und erkennen an, dass zu dem von materiellen Umständen bedrohten Menschen eine Hilfe aus einer ganz anderen Welt gekommen ist, dass Geist plötzlich erlebbar gegenwärtig war. Das Wort bedeutet im Englischen Anwesenheit des Gemüts, im Lateinischen, Französischen und Russischen Anwesenheit (Davorsein) des Geistes, im Griechischen plötzliches Hinzutreten der Seele und der deutsche Ausdruck Geistesgegenwart zeigt, dass Geist uns gegenüber wartet, d. h. immer bei uns ist, unübersehbar voll in unserem Blickfeld steht und nur darauf wartet, von uns erkannt und um Hilfe angerufen zu werden. Wie liebevoll wartet Gott, Geist, ständig! Aber oft sind wir von den Äußerlichkeiten so verblendet, dass wir erst in größter Not an unseren Ursprung und unsere einzige Hilfe denken. Dann aber tief erschütternd.

In der durch Geistesgegenwart gelösten Notlage, in der die Dunkelheit, der Druck und die Zwanghaftigkeit der äußerlichen Welt blitzartig weggestrahlt worden sind, bekommen wir in einem plötzlichen Aufleuchten einen überraschenden Einblick in die unantastbare Vollkommenheit, Allmacht und Ewigkeit der geistigen Welt. Geistesgegenwart ist der vollkommene Beweis der Herrschaft des Geistes über die Umstände. Sie geschieht sofort, vollständig und beglückend, einfach weil man gar keine Zeit mehr hatte, an etwas Verkehrtes zu glauben! Sie beweist, dass es in der Wahrheit des Seins nie einen Raum für Unvollkommenheit, Versagen oder Gefährdung gegeben hat.

Solche Geistesgegenwart ist wie in allen anderen Lebenslagen so auch in Prüfungen möglich, nämlich dass man längst „Vergessenes“ plötzlich wieder ganz genau weiß, bisher ungeahnte Zusammenhänge durchschaut und unbekannte Gesetzmäßigkeiten plötzlich erkennt und gezielt anwendet. Bei Geistesgegenwart weiß auch schon der Sprachgebrauch, dass der Mensch nicht aus eigenem Verstand denkt, sondern dass ihm eine plötzliche Erkenntnis „kommt“. Es ist Geist wirksam. Wo Geist wirksam ist, wird alles Ungeistige, Sterbliche ausgeschlossen. Wo Geist ist, kann kein Teufel sein. Teufel kommt vom griechischen diäbolos und bedeutet Durcheinanderwerfer, Verleumder. Wo Geist ist, gibt es also keine Unordnung, keine Verwirrung, keine Unwahrheit, also in der Prüfung keine Irrtümer und im sonstigen Leben keine Missgriffe. Ein geistesgegenwärtiges Erkennen trifft haargenau zu und ein geistesgegenwärtiger Griff sitzt millimetergenau. Da Geist alle Macht besitzt, duldet er keine Störung vor der Prüfung, weder der Verdauung noch der Esslust noch des Schlafes noch Lampenfieber. Geist als Allmacht, Allgegenwart, Allwissen ist immer hellwach. In der Gegenwart des Geistes gibt es kein Dösen und Träumen, keine Führungslosigkeit. Geist ist hellwaches Licht. Licht schließt Dunkelheit und Schlaf und damit Vergessen aus. Geist weiß und erkennt, durchschaut und begreift immer alles. Im Geist geht nichts verloren: „Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er erwarb, geht vor ihm her“ (Jesaja 40:10). Wenn der Prüfling rechtzeitig genug über diese Gegenwart und Führung nachdenkt, wird er in der Prüfung erleben, dass er genau nach dem gefragt wird, was er in den letzten Tagen durchzuarbeiten so besonders große Lust hatte.

Eine Studentin bekam im Staatsexamen aus Hunderten möglicher Gedichte genau das eine jener beiden Gedichte vorgelegt, die sie unmittelbar davor „zur Übung“ sorgfältig durchgeübt hatte. In einer anderen Prüfung wurde der ihr nachfolgende Student genau das gefragt, was sie vorzubereiten keine Zeit oder Lust mehr gehabt hatte. Wir hatten uns aber vorher gemeinsam sorgfältig bewusstgemacht, dass der gleiche Geist Prüfer und Prüfling verbinde. Ein Schüler, der bei mir mündlich gut mitarbeitete, aber schlechte Arbeiten schrieb, hatte mich mehrmals ohne sichtbaren Erfolg um Rat gebeten. Plötzlich gab er eine fast vollkommene Arbeit ab. Als ich ihn streng verhörte, woher er denn diese guten Ergebnisse habe, gestand er: Er habe beim ersten Durchlesen der Arbeit wieder überhaupt nichts begriffen, dann aber endlich einmal gründlich durchdacht und angewandt, was ich ihm über „Gelernt-Haben“ und „Allmacht des Geistes“ gesagt hätte, und dann seien ihm sofort alle „Schuppen von den Augen gefallen“. Mittelmäßige Ergebnis e gibt es bei geistiger Ausarbeitung nicht. Aber erst tiefes Nachdenken führt zu vollem und bleibendem Erfolg.

Eine täglich neue Erkenntnis über Gott gewährleistet großen Fortschritt. Halten wir uns an David: „Wenn ich mich zu Bette lege, denke ich an Dich, wenn ich wach liege, sinne ich über Dich nach“ (Psalm 63:7). „Wenn du vieles gelesen hast“, sagt Seneca, „so greife eines heraus und dieses ‚verdaue‘ an diesem Tage“. Wie viel Weisheit und Anregung enthält allein schon so ein Allerweltswort wie Geistesgegenwart! Man kann es selbst einem völlig Ungeübten als prüfungsentscheidende Wegzehrung im letzten Augenblick mitgeben. Welch strahlend tiefe Freude erlebte ich, als der genannte Abiturient, dem ich über dieses Wort nachzudenken aufgetragen hatte, nach der Prüfung glücklich berichtend zu mir kam!

Über solcher Prüfung liegt dann eine große Ruhe. Schon am frühen Vorabend kann man ohne alle Erregung ruhig und gesammelt die Hände auf die letzten Bücher und Hefte legen, sich dankbar bewusstmachen, dass man das Gelernte „hat“, eine Kerze anzünden und freudig über Gottes Allgegenwart nachdenken, um dann wohlig ausgeschlafen nach kräftigem Frühstück frohgemut und freudiger Erwartung in die Prüfung zu gehen. Dass eine Prüfung eine große Gnade sei, erkennt man trotzdem erst später, nämlich frühestens erst dann, wenn einem in der Lateinarbeit plötzlich alle Schuppen von den Augen fallen, wenn das Mathematikabitur so glücklich beschwingt verläuft oder einem plötzlich das Gedicht vorgelegt wird, das man schon so gründlich geübt hat. Jene Studentin brauchte erst einmal eine Viertelstunde, um dieses Wunder zu glauben und zu verkraften. Der volle Erfolg in der Prüfung ist dann mehr als nur ein sportlicher Sieg, er ist das unvergessliche Erlebnis unendlicher Geborgenheit in der Gegenwart des Geistes und der Liebe.

Lehren, Lernen, Behalten und Wiedergeben gelingen am leichtesten, schnellsten und nachhaltigsten, wenn Lehrende und Lernende alle Widerstände durch Freude, Dankbarkeit und Liebe ausgeräumt haben und voneinander und vom Lehr- bzw. Lernstoff begeistert sind. Ohne Liebe kein wirkliches Lehren oder Lernen.

Geist ist immer gegenwärtig und wartet uns gegenüber nur, dass wir uns ihm öffnen, Geist hat alles gegenwärtig und stellt es uns immer und überall zur Verfügung, und dadurch werden wir befähigt, geistesgegenwärtig jede jeweils anfallende Aufgabe auf Anhieb vollendet zu lösen.

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